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erschienen in der HOW TO #2 – food

Mission Impossible


von Jasmin Sidki

Bewusste Ernährung ist das Thema unserer Tage. Über gesunde Ernährung, gewichtsreduzierende Ernährung, Ernährungsfehler und Essstörungen wird medienweit berichtet, beratschlagt und diskutiert.
Im Wesentlichen geht es immer um die eine Frage: Was dürfen wir essen und was nicht? Während wir nach Antworten suchen und unser Ess- und Kochverhalten gesundheitsgerecht wie auch umweltbewusst ändern wollen, gibt es immer wieder neue irritierende Nachrichten über einen erneuten Fall von BSE oder dem Vogelgrippevirus. Falls man das große Glück hat, nicht unter Lactoseintoleranz, Fructoseintoleranz, Zöliakie oder sonstigen Lebensmittelunverträglichkeiten zu leiden, gelingt es einem vielleicht doch noch, neben gesund auch noch unbeschwert zu essen.


So soll es sein: Wir beginnen mit der Mission, uns eine gesundheitsbewusste Ernährung anzueignen. Natürlich darf an erster Stelle nicht vergessen werden zu erwähnen, dass man dann auf das größte Übel unserer Tage am besten komplett verzichten sollte: Fast-Food! Ob Burger, Döner und seit neustem auch pasta-to-go, Hauptsache schnell und to eat soll es ein. Und davon gibt es genug Auswahl. Falls wir es also schaffen, McDonald und Co. an jeder Ecke, auf jedem Kanal und zu jeder Zeit die meiste Zeit zu ignorieren, sind wir, so denken wir zumindest, auf dem richtigen Weg zu einer bewussten und gesunden Ernährung. Guter Dinge streichen wir dann auch noch die Fertigprodukte und Mikrowellengerichte von unserem Speiseplan, um nur noch Frisches und Nahrhaftes zu uns zu nehmen. Doch stehen wir nun vor dem großen Problem: Beim nächsten Supermarkt um die Ecke versuchen wir, relativ gesundheitsbewusst und auch kostenbewusst zu unseren Lebensmitteln zu kommen. Leider sind das zwei sich ausschließende Kriterien. Die gute Absicht, sich eine bewusste und gesunde Lebensführung anzueignen, erscheint nicht allzu erschwinglich zu sein. So stehen wir letztlich vor der Wahl zwischen der Butter No-Name und preisgünstig, der Butter einer populären Marke und etwas teurer oder Bio-Butter, teuer. Ebenso geht es uns mit allen Arten von Obst und Gemüse, Fleisch und allen Sorten von Milchprodukten, mittlerweile auch Knabbersachen und Süßwaren. Wir wissen, dass Bio ja etwas Gutes ist, so sagt man und so wird es uns gelehrt. Also steht man plötzlich vor folgender tiefgreifenden Frage: Bio oder nicht Bio? Da es mittlerweile Bio-Produkte in jedem Supermarkt zu kaufen gibt, scheint wohl nicht nur etwas dran, sondern das gerade auch ziemlich in Mode zu sein. Doch was genau steckt hinter dem Begriff Bio? Laut Wikipedia erhalten den Bio-Siegel nur Lebensmittel, die:

  • nicht zur Konservierung radioaktiv bestrahlt werden,
  • nicht durch gentechnisch veränderte Organismen erzeugt werden,
  • nicht mit Einsatz von synthetischen Pflanzenschutzmitteln und
  • nicht mit Hilfe von leicht löslichen mineralischen Düngern
    erzeugt werden, jedoch bis zu 5 % konventionell erzeugte
    Bestandteile enthalten dürfen.


Es wird zudem gefordert,

Fruchtfolgen (Zwei-, Drei- und Vierfelderwirtschaft) abwechslungsreich zu gestalten,Tiere artgerecht zu halten und mit ökologisch produzierten Futtermitteln ohne Zusatz von Antibiotika und Leistungsförderern zu füttern.

Man muss zugeben, das hört sich beruhigend an, wirft aber eine andere Frage auf: Wenn Bio so viel gesünder ist, ist dann Nicht-Bio, also der ganze große Rest alles Kaufbaren, nicht gesund, also ungesund? Laut der Wiki-Definition scheint das der Fall zu sein. Also finden wir uns plötzlich in einem Dilemma wieder, in das uns unsere Mission der bewussten und gesunden Ernährung hineingeführt hat. Wir haben nun die Wahl zwischen Bio-Tomaten und Nicht-Bio-Tomaten, eingeflogen aus Australien, die womöglich radioaktiv bestrahlt, chemisch behandelt und zudem noch gentechnisch verändert wurden. Mit einer Unzahl weiterer Produkte geht es uns genauso. Wir blenden so schnell wie möglich die Frage aus, wie es überhaupt dazu kommen kann, einen Normalverstandesmenschen vor die Wahl zwischen einem nichtbestrahlten, nicht gentechnisch erzeugten, nicht schadstoffbelasteten versus bestrahlten, gentechnisch erzeugten und schadstoffbelasteten Abendessen auf seinem Teller zu stellen!? Ein näheres Beschäftigen mit dieser Frage könnte viel Unangenehmes hervorbringen, das einiger Verdrängungsleistung bedarf, um wieder einigermaßen entspannt essen zu können. Da uns gelehrt wird, auf unsere Gesundheit zu achten, und wir persönlich die Bio-Bewegung engagiert unterstützen wollen, entscheiden wir uns für die Kombination aus Nicht-Bios und einigen Bios. Damit wird es nicht mehr ganz so kostengünstig, aber man fühlt sich etwas besser dabei. Die Mission kann also quasi erfolgreich beendet werden. Seltsam ist nur der fade Beigeschmack, der zurück bleibt bei all solchen Entscheidungen, die sich um bewusstes Einkaufen und Ernähren drehen. Denn zugeschüttet von Informationen, warnenden Hinweisen, aufklärenden Ratschläge darüber, was gut oder nicht gut für uns sei, stehen wir gleichzeitig einem nicht enden wollenden Bombardement von Dingen gegenüber, die essbar sind, ob nährreich und aus ökologischem Anbau oder synthetisch hergestellt und vollgepumpt mit Zusatzstoffen. Letztlich nehmen wir das, was uns vorgesetzt wird. Denn die Hülle und Fülle an Wahlmöglichkeiten lässt eines nicht mehr zu: die freie Wahl! Die Wahl zwischen Gutem und Schlechtem beschreibt die Parodie des Ganzen. Gewarnt und informiert befindet man sich als normal Konsumierender in einem kontinuierlichen Dilemma, das man mit sich selbst oder mit seinem Geldbeutel auszumachen hat. Die Wahlmöglichkeit als großer Gewinn unserer modernen Gesellschaft ist gleichsam die Kehrseite der Medaille. Die Moderne, die Technokratie und ihre Errungenschaften führen in einen Mechanismus der Fremdsteuerung. Die freie Entscheidung, beruhend auf einem kritischen Bewusstsein, wird klein gehalten in einer Produktionsgesellschaft, in der es um genau das nur geht: Produktivität und Leistung. Denn inmitten dieses Stroms ist ein Mitschwimmen leichter als eine kritische Meinungsbildung. Wir habe keine Zeit und auch keine Muße, alles, was uns jeden Tag so vorgesetzt wird, nach seinem Gehalt, seinem Erzeugungsweg zu hinterfragen und vertrauen letztlich auf die Dinge, die uns angepriesen werden, auch wenn der fade Beigeschmack nicht mehr ganz verschwindet. Also was tun? Weder schnellwirksame Rezepte noch schöne Utopien sollen hier verbreitet werden. Eher wird der Versuch unternommen, das Alltägliche kritisch zu hinterfragen und somit zu mehr Autonomie und weniger Automatismus zu gelangen. All inclusive beschreibt am treffendsten das Phänomen des Konform-Konsums, womit auch so manche Urlaubsschnäppchen betitelt werden. Auch hier stehen wir vor einer Vielfalt an Speisen und Getränken, die meist am Buffet oder an der Bar zu erhalten sind, und das zu jeder Zeit. Schnell und fließbandgerecht werden hier für die Urlaubsmassen Essensbedürfnisse gestillt. Massen an Essen für die Massen an Menschen, was tatsächlich ein wenig an Massenfütterung erinnert.
Doch auch das bleibt ausgeblendet. Besser so! Ob im Laden um die Ecke oder im Hotel tausende Kilometer entfernt, der Mechanismus ist überall der gleiche, als wollten wir es nicht anders. Ob das so ist oder auch nicht, manchmal wird der innere Drang nach ein bisschen weniger Steuerung, nach ein bisschen mehr Eigengestaltung, wirklicher Individualität und Überschaubarkeit etwas lauter. Man kann nichts machen gegen die Invasion von Ernährungsweisheiten und Essensmoden. Aber vielleicht kann man etwas tun gegen die unbedachte Massenabfertigung, wie wir sie jeden Tag antreffen, indem man etwas mehr nachdenkt darüber, was man alles so auf seinem Teller vorfindet, und kritisch danach fragt, was denn nun wirklich gut oder auch nicht gut für uns ist. Zum Beispiel berichtet die Zeit vom 7.09.2006, die naturnahe Produktion finde nicht mehr nur in Deutschland statt, im Gegenteil: »Biosonnenblumenkerne kommen mit dem Frachtschiff aus China, Biomilch aus Dänemark, Biotomaten aus Spanien.« Denn dort ist es um einiges günstiger zu produzieren als im eigenen Land. So berichtet die Zeit weiter: »Während in Deutschland die Subventionen sinken, setzt beispielsweise Polen gezielt Fördermittel für seine Biobauern ein. Die Lohnkosten sind dort ohnehin niedrig, und vielen polnischen Bauern fällt die Umstellung leicht. „Die haben vorher auch schon ohne Kunstdünger und Spritzmittel gearbeitet – weil sie sich die nicht leisten konnten“, sagt Markus Rippin von der Zentralen Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) der deutschen Agrarwirtschaft.« Auch hier hat der Kampf um die billigste Produktion begonnen. Und zu erwarten ist, dass auch wieder die Qualität der Lebensmittel darunter leiden wird. Die Entscheidung für Bio auf dem Weg zu einem gesunden und umweltbewussten Konsumverhalten impliziert nicht mehr nur made in Germany und eine hohe Qualität – leider wird das durch das Bio-Siegel, dem wir folgen, nicht klar. Unsere Mission, gesund, bewusst und naturnah zu konsumieren, verliert hiermit ebenfalls etwas ihrem uneigennützigen Sinn. Wie wir sehen, ist nicht nur die gute Absicht von Bedeutung, sondern vor allem die bewusste Absicht. Also das bewusste Hinterfragen der Dinge, die uns vorgesetzt und als gesund, ökologisch etc. angepriesen werden und gerade Mode und Trend sind. So ist die Entscheidung für ein Bio-Produkt auch wieder ein Automatismus, dem wir folgen, ohne wirklich zu wissen, was dahinter steckt. Unsere Mission büßt weiter an Glanz und Bedeutung ein, sie ist eher Kollektivverhalten als individuelles Statement. Wir sind zwar interessiert an der Erhaltung unserer Umwelt, doch das möglichst kostengünstig und ohne großen Aufwand. Denn es fehlt uns an Muße, Zeit sowie an Geld, um ständig das Beste zu suchen und zu kaufen. Günstig und mit Bio-Siegel, billig produziert und massenweise irgendwo in Fernost hergestellt, der gesunde und bewusste Lebensstil scheint nur unter Ausblendung dieser Fakten moralisch vertretbar zu sein.
Unser Konsum-Konformismus fördert nur leider nicht die umwelt- und tiergerechte Produktion oder den Produktionsstandort Deutschland. Wir verstärken durch solch ein Konsumverhalten eher die Verlagerung der Produktion ins Ausland, Niedriglöhne und den Abbau von Stellen und Sozialleistungen. Doch wird der enorme Beitrag jedes einzelnen zu dieser Misere gerne ignoriert und weiter auf Politik und System geschimpft. Hierzu bemerkt die Zeit vom 8.06.2006 in einem herrlichen Artikel: »Es ist eine Persönlichkeitsspaltung: Wir schimpfen über die Schließung deutscher Standorte und kaufen am selben Tag eine Hose für 30 Euro, die in Bangladesh genäht wurde. Auch die französischen Studenten, die gegen die Globalisierungsscheiße, die merde mondialiste, auf die Straße gehen, die jetten billig durch die Welt und kleiden sich von Kopf bis Fuß in H&M. Der Protestwähler ist im Zivilstand Schnäppchenjäger. Wir sind Schizophrene. Die Diagnose trifft die Völker aller westlichen Demokratien. Als Bürger sind wir Sozialisten – Verfechter der alten sozialen Errungenschaften. Als Kunden sind wir Neoliberale. Marktradikale. Uns ist Recht, was billig ist. „Für 19 Euro nach Barcelona.“ Noch nie war Doppelmoral so preiswert. So sieht sie aus, unsere Bonusmeilen-Affäre. Und wenn es uns dennoch an Geld mangelt, nehmen wir Kredite auf. Deficit spending. Unsere Haushalte sind belastet wie noch nie. Rekordverschuldung.«
Ob Doppelmoral, Bequemlichkeit oder Verblendung, vielleicht sind es einfach nur der verlorene Glaube an Veränderungen und die Ohnmacht, die uns zu einem passiven Konformismus zwingen. Ein Konformismus, der uns in den Lebensmitteldiscounter führt und uns zu Schnäppchenjägern macht, auch wenn wir dort dann Bio kaufen, ist eher unser Beitrag zu noch mehr Kampf um die billigste Produktion und Massenherstellung als zu mehr Qualität der Lebensmittel und umweltbewusster Erzeugung. Unsere Mission zu einer gesunden und bewussten Ernährung entpuppt sich als eine kontrolliert-automatisierte Aktion, die weder mehr Bewusstsein beweist noch zu mehr Gesundheit führt. Mission? Impossible!
Man könnte nun, wie es so oft getan wird, als Lösungsansatz die Förderung der lokalen Händler und Landwirte propagieren. Doch das soll nicht Ziel dieser Zeilen sein. Ziel soll sein, trotz aller Schwemme an Essens- und Ernährungsvorschlägen, trotz des Massenangebots an Essbarem, ein bisschen mehr hinter diesen Schein der Freiheit blicken zu können.
Falls wir jemals wieder die Chance bekommen sollten, ein wenig mehr Selbststeuerung zu erhalten und etwas mehr ehrliche Wahlfreiheit, so sollten wir diese ergreifen – insofern wir sie erkennen werden

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