erschienen in der HOW TO #2 – food
Liebe Leserinnen und Leser,
das Thema Essen ist in den letzten Jahren immer stärker medial vertreten. Seit Jahren inszeniert die ARD Alfred Biolek in einer Kochsendung. Aber er ist schon lange nicht mehr der Einzige. Die Köche haben das Fernsehen erobert. Es gibt kaum eine Uhrzeit, in der man nicht beim Durchzappen auf einen Fernsehkoch stößt. Essen ist mehr als pure Nahrungsaufnahme geworden: Es ist Lifestyle!
Haufenweise Literatur darüber weist den Weg. Abwechslungsreiche Nahrung zuzubereiten ist bezahlbar und einfach geworden. Hummer für 5 € beim Discounter, Mangos das ganze Jahr über für 3 € das Stück, Lachs zum Frühstück, Straußenfilet für das abendliche Barbecue mit Freunden.
Und dann ist es 20 Uhr, und die Tagesschau macht uns mit dem neuen Gammelfleischskandal alles kaputt. Die heile Welt ist für schauerliche 15 Minuten im Arsch. Das ist so fies, da fällt einem nichts mehr zu ein. Ran an den Pranger mit den Schurken, denkt man sich. Doch Rettung naht. Rockmusik, Flammen und Lichterblitze kündigen sie an – Tim Mälzer erscheint im Rampenlicht Ham’se noch Hack – reichlich und natürlich frisch, von glücklichen Kühen. Der Staat jagt dem Gammelfleisch hinterher, und das Volk lässt sich bekochen. Bei Tim Mälzers Auftritt in der Arena denkt keiner mehr daran, dass durch den preisbewussten Massenkonsum der Bevölkerung den Geschäftemachern die Möglichkeit gegeben wird, schnelles Geld mit illegalen Fleischverkäufen zu machen. Man überlegt sich auch nicht, ob vielleicht der eigene Konsumhunger damit etwas zu tun haben könnte.
Man will es gar nicht, dafür ist keine Zeit und dafür gibt es Leute, die sich damit beschäftigen. Die sind auch bitter nötig, denn die Zusammenhänge sind so komplex, dass bei der Lösung eines Problems sofort ein weiteres auftaucht. So sind beispielsweise Bioprodukte umweltschonend und nachhaltig angebaut. Doch ökologischer Landbau braucht Platz. Die Agrarlebensmittelproduktion hat sich seit den 50ern mehr als verdoppelt, bei einer Vergrößerung der Anbaufläche von gerade 10%. Synthetische Dünger sind der Grund, und die dürfen beim ökologischen Landbau nicht benutzt werden. Somit bräuchte man etwa doppelt so viel Anbaufläche, um die ganze Weltbevölkerung mit Bioprodukten zu versorgen. Wir können hierfür den Regenwald abholzen oder müssen einsehen, dass Bioprodukte Luxusgüter sind, für die es in einer Welt mit 7 Mrd. Menschen nicht genügend Platz gibt. zurück Auf diesen Lösungsmangel, der uns zu einem passiven Konformismus bei der Nahrungsbeschaffung zwingt, geht Jasmin Sidki im ersten Artikel Mission impossible (S. 4) ein. Doch Allerweltslösungen kann und will das HOW TO food nicht bieten. Es liefert unkonventionelle Herangehensweisen. Simon Roth dokumentiert die Hinrichtung eines Cheeseburgers (S. 22) – für die Schwachen, für die Menschenrechte – und Max Kornert hat in Das große Darben (S. 30) ungewöhnliche Vorschläge für Nahrungsmittelspenden in Dritte-Welt-Länder. Hannes Gräf schreibt über den Verlust eines der ältesten Rituale und die daraus resultierende psychische Störung – Anorexia nervosa (S. 12). Dahingegen entdeckt Pia Katzenberger eine uralte Tradition wieder, die vor ein paar Dekaden Jahren noch normal war und heute vor allem an deutschen Fleischtheken verdrängt wird: der Schlachttag (S. 24). All das sind Blicke über den Tellerrand. Etwas abseits der schönen, heilen Welt des Fernsehers und des Supermarktregals. Keine Skandalenthüllungen, nichts, von dem man nicht schon einmal gehört hat. Anders angeordnet und abgespielt, für das eine oder andere Ohr in einem ungewöhnlichen Ton, doch dieser macht ja bekanntlich die Musik
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Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
das Thema Essen ist in den letzten Jahren immer stärker medial vertreten. Seit Jahren inszeniert die ARD Alfred Biolek in einer Kochsendung. Aber er ist schon lange nicht mehr der Einzige. Die Köche haben das Fernsehen erobert. Es gibt kaum eine Uhrzeit, in der man nicht beim Durchzappen auf einen Fernsehkoch stößt. Essen ist mehr als pure Nahrungsaufnahme geworden: Es ist Lifestyle!
Haufenweise Literatur darüber weist den Weg. Abwechslungsreiche Nahrung zuzubereiten ist bezahlbar und einfach geworden. Hummer für 5 € beim Discounter, Mangos das ganze Jahr über für 3 € das Stück, Lachs zum Frühstück, Straußenfilet für das abendliche Barbecue mit Freunden.
Und dann ist es 20 Uhr, und die Tagesschau macht uns mit dem neuen Gammelfleischskandal alles kaputt. Die heile Welt ist für schauerliche 15 Minuten im Arsch. Das ist so fies, da fällt einem nichts mehr zu ein. Ran an den Pranger mit den Schurken, denkt man sich. Doch Rettung naht. Rockmusik, Flammen und Lichterblitze kündigen sie an – Tim Mälzer erscheint im Rampenlicht Ham’se noch Hack – reichlich und natürlich frisch, von glücklichen Kühen. Der Staat jagt dem Gammelfleisch hinterher, und das Volk lässt sich bekochen. Bei Tim Mälzers Auftritt in der Arena denkt keiner mehr daran, dass durch den preisbewussten Massenkonsum der Bevölkerung den Geschäftemachern die Möglichkeit gegeben wird, schnelles Geld mit illegalen Fleischverkäufen zu machen. Man überlegt sich auch nicht, ob vielleicht der eigene Konsumhunger damit etwas zu tun haben könnte.
Man will es gar nicht, dafür ist keine Zeit und dafür gibt es Leute, die sich damit beschäftigen. Die sind auch bitter nötig, denn die Zusammenhänge sind so komplex, dass bei der Lösung eines Problems sofort ein weiteres auftaucht. So sind beispielsweise Bioprodukte umweltschonend und nachhaltig angebaut. Doch ökologischer Landbau braucht Platz. Die Agrarlebensmittelproduktion hat sich seit den 50ern mehr als verdoppelt, bei einer Vergrößerung der Anbaufläche von gerade 10%. Synthetische Dünger sind der Grund, und die dürfen beim ökologischen Landbau nicht benutzt werden. Somit bräuchte man etwa doppelt so viel Anbaufläche, um die ganze Weltbevölkerung mit Bioprodukten zu versorgen. Wir können hierfür den Regenwald abholzen oder müssen einsehen, dass Bioprodukte Luxusgüter sind, für die es in einer Welt mit 7 Mrd. Menschen nicht genügend Platz gibt. zurück Auf diesen Lösungsmangel, der uns zu einem passiven Konformismus bei der Nahrungsbeschaffung zwingt, geht Jasmin Sidki im ersten Artikel Mission impossible (S. 4) ein. Doch Allerweltslösungen kann und will das HOW TO food nicht bieten. Es liefert unkonventionelle Herangehensweisen. Simon Roth dokumentiert die Hinrichtung eines Cheeseburgers (S. 22) – für die Schwachen, für die Menschenrechte – und Max Kornert hat in Das große Darben (S. 30) ungewöhnliche Vorschläge für Nahrungsmittelspenden in Dritte-Welt-Länder. Hannes Gräf schreibt über den Verlust eines der ältesten Rituale und die daraus resultierende psychische Störung – Anorexia nervosa (S. 12). Dahingegen entdeckt Pia Katzenberger eine uralte Tradition wieder, die vor ein paar Dekaden Jahren noch normal war und heute vor allem an deutschen Fleischtheken verdrängt wird: der Schlachttag (S. 24). All das sind Blicke über den Tellerrand. Etwas abseits der schönen, heilen Welt des Fernsehers und des Supermarktregals. Keine Skandalenthüllungen, nichts, von dem man nicht schon einmal gehört hat. Anders angeordnet und abgespielt, für das eine oder andere Ohr in einem ungewöhnlichen Ton, doch dieser macht ja bekanntlich die Musik
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