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erschienen in der HOW TO #5 – job

Und was machst Du so?

von Jasmin Sikdi


Niemand ist gerne arbeitslos, denn das bedeutet finanzielle Einbußen sowie persönliche und soziale Beschränkungen. Doch kann die Änderung der Blickrichtung positive Seiten an der Arbeitslosigkeit aufzeigen. Das ist oft nur eine Frage der eigenen Kreativität..

Und, was machst du so? Das ist eine Frage, die sich jeder schon mal stellen lassen musste. Meist sollte diese klar, in kurzen prägnanten Sätzen zu beantworten sein und idealerweise die Fragende oder den Fragenden beeindrucken.
Leider funktioniert das immer seltener. »Ich schreibe gerade einen Roman« oder »Ich nehme eine kreative Auszeit« ist die typische Antwort, wenn man sich nicht zuzugeben traut, dass man gerade gefeuert wurde, da der Kulturetat gekürzt wurde. Als »Arbeitsloser« fühlt man sich zu beschämt und ausgegrenzt, um sich einzugestehen, dass es heutzutage ganz normal ist, auch mal arbeitslos zu sein. Leider gilt in unserer leistungs- und konsumorientierten Gesellschaft als »normal«, wer einen mehr oder weniger beeindruckenden Beruf ausübt, sich sein Leben finanzieren kann und sich damit gesellschaftliche Anerkennung verdient. Der Beruf macht einen erheblichen Teil unserer Identität aus. Man ist immer irgendetwas. Sei es Friseur, Banker, Forscher, Designer oder Künstler. Ist man jedoch Arbeitsloser, fällt jener identitätsstiftende Beruf weg – man gerät in eine Krise. Die Wirtschaftskrise und die Folgen für den Arbeitsmarkt machen uns nun plötzlich die Vergänglichkeit der sicherheitsspendenden Berufsidentität bewusst. Der Beruf und der Status, die daraus resultierende Anerkennung und die Sicherheit sowie die damit ermöglichten privaten Investitionen werden als stabiler Faktor in der Lebensplanung eines jeden erschüttert. Dies spürt derzeit nicht nur der Mittelstands- oder Fabrikangestellte, sondern auch der hochrangige Bankenmanager. Selbstverständlich war man immer Teil des Systems Wohlstandsgesellschaft. Die erbrachte Leistung ermöglichte das Konsumieren von Gütern. Doch nun erweist sich dieses Prinzip als fehlerhaft. Wohlstand und Konsum sind nicht mehr gesichert und damit wird der Beruf als Quelle materieller und immaterieller Anerkennung unsicher.
Angst vor der Zukunft und Scham vor dem Stempel der Arbeitslosigkeit sind oft das Resultat. Oft ist die Rede von der »Unerträglichkeit des Mitleids« gegenüber Arbeitslosen, davon, dass Arbeitslosigkeit einsam mache und gesundheitliche Nachteile durch Arbeitslosigkeit entstünden. Dies alles steht außer Frage. Neben den finanziellen und existenziellen Einbußen stehen die von Arbeitslosigkeit Betroffenen vor allem vor einer großen Repression: die Ausgrenzung aus der anführenden und normdefinierenden Gruppe erwerbstätiger Erwachsener. Arbeitslos sein bedeutet, von dieser Norm abzuweichen.
Doch leider hilft das niemandem, am wenigstens der Gesellschaft, aus der das Stigma entstanden ist. Sinnvoll wäre es, die Sichtweise auf die Arbeitslosigkeit zu ändern. Mein Vorschlag ist, Arbeitslosigkeit, auch wenn es manchen zu idealistisch klingen mag, etwas Positives abzugewinnen. Das Theater umschreiben und nicht das Stück.
Herausgelöst aus dem sicheren und planbaren Lebenskontext sind nun andere Kompetenzen gefragt. Fähigkeiten wie der kreative Umgang mit Krisenzeiten und dem eigenen Schicksal. Wie kann ich die Zeit der Arbeitslosigkeit nutzen? Was kann ich lernen? Wo kann ich mich engagieren? Wie kann ich mich verändern? Das sind Fragen, die in einer arbeitsfreien Zeit relevant werden. Auf diese Weise wird Arbeitslosigkeit kein Leerlauf, sondern eine Zeit der Bildung und Entwicklung. Zeit ohne Arbeit ist ein Gewinn an individuell planbarer Zeit, die dem einen beispielsweise ermöglicht, ein Ehrenamt anzunehmen, dem anderen, eine Weiterbildung zu beginnen. Arbeitsfreie Zeit schafft Raum zur Reflexion und kann Ideen zur beruflichen Veränderung freisetzen.
Dies alles braucht vor allem eines: Die gesellschaftliche Anerkennung dahingehend, dass Arbeitslosigkeit eine normale Phase im Leben eines Menschen ist und nicht ein zu ächtender außerplanmäßiger Schicksalsschlag, der einen direkt auf das Abstellgleis der Gesellschaft katapultiert.
Hinter dieser Sichtweise auf Arbeitslosigkeit steht der Grundgedanke, dass der Einzelne selbst verantwortlich für die Gestaltung seines Lebens ist. Dies gilt auch für den Beruf. Das heißt, als Selbst-Manager sind Menschen, die gelernt haben, mit schwierigen Situationen umzugehen, robuster und vor allem kreativer. Wieso also ist nur der lückenlose Lebenslauf ein guter Lebenslauf in einem Auswahlverfahren? Kommt es nicht gerade darauf an, wie man die »Lücken« für sich und seine persönliche Entwicklung genutzt hat?
Es bleibt zu hoffen, dass die aktuellen Geschehnisse in der Wirtschaft und auf dem Arbeitsmarkt Anstoß für einen Perspektivwechsel geben, Arbeitslosigkeit bzw. arbeitsfreie Zeiten als Bestandteil der Normalbiografie zu betrachten. Normal sind Krisen, normal sind Lücken, normal ist eine Zeit ohne Arbeit, sei sie unfreiwillig oder auch freiwillig gewählt. Dies alles kreativ zu nutzen, ist eine wertvolle Fähigkeit, die eine Gesellschaft mehr sehen und fördern muss.

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