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erschienen in der HOW TO #4einhalb



Die Uniformität der Individualität

von Sebastian Klug

Erkenntnisse aus dem Süden der Republik



Wir Münchner sind ja bekanntlich mit einer ziemlich großen Portion Glück gesegnet: Unsere Lebensqualität ist geradezu sprichwörtlich, unsere Politiker sind mit die unterhaltsamsten der Republik, unsere geografische Lage muss als traumhaft bezeichnet werden – und Armut bedeutet hier, einen Porsche Cayman statt eines 911ers zu fahren.
»Noch wohnen« oder »schon leben« ist für einen Münchner insofern keine ernstzunehmende Frage, sondern existiert lediglich als Worthülse der Werbebranche. Für Münchner ist Stilbewusstsein nicht Kür, sondern Pflicht. Dass das allererste IKEA Möbelhaus Deutschlands 1974 in München eröffnet wurde, kommt zwar nicht von ungefähr – dass es jedoch bis heute kilometerweit von Münchens Hipster-Vierteln entfernt steht, auch nicht: Ein Münchner, der etwas auf sich hält, kauft vielleicht noch im schwedischen Delikatessenmarkt eine Mandeltorte – serviert diese jedoch mittlerweile ausnahmslos auf auf einem hochwertigen Alessi-Tablett. Individualität hat eben ihren Preis.

Die Crux dabei: Die Uniformität der Individualität greift immer mehr um sich, und so gleicht Stück für Stück eine überteuerte Altbauwohnung der anderen: Ein italienisches Designersofa, um Stil zu beweisen. Ein massiver balinesischer Holztisch als Zeichen der Weltgewandheit. Ein Bauhaussessel, der das Kunstverständnis herausstreicht und im Schrank einige tönerne Bierkrüge, sogenannte Keferloher, die Heimatverbundenheit symbolisieren sollen. Und wer keinen 911er, sondern eben nur einen Cayman oder gar einen Firmenwagen fährt, besorgt sich Designerware zweiter Wahl zu etwas weniger unbezahlbaren Preisen. Bereits ein leichter Kratzer auf der Unterseite der Sitzfläche kann bei ausgesuchten Händlern zu einem Preisnachlass von bis zu 50% führen. Ein befreundeter Architekt entschied sich vor einigen Jahren, gegen den Trend zu schwimmen und in seiner neuen Wohnung statt mit Möbeln ausschließlich zwischen Umzugskartons zu leben – etwa eineinhalb Jahre später tauschte er seinen Porsche gegen einen Golf ein. Er hatte es offenbar ein wenig übertrieben mit der Individualität.

Die gute Nachricht: Die Zeit arbeitet für uns. In meiner Wohnung beispielsweise steht daher eine mittlerweile sicherlich acht Jahre alte Couch von IKEA, die jedoch schon lange aus dem Sortiment gefallen ist und daher auf den ersten Blick auch von Rolf Benz sein könnte. Und der Preis, ja, der war unschlagbar: Null Euro! Meine Eltern hatten sich nämlich entschieden, in Sachen Sitzkomfort eine Stufe nach oben zu klettern und eine Ledercouch zu kaufen. Sie waren auch schon im örtlichen Designeroutlet, sind dann aber trotzdem weitergefahren zum Schweden. Weder im 911er noch im Cayman – meine Eltern fahren einen Skoda.

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