erschienen in der HOW TO #4 – stalker
von Lars Reyer
»In den Nachrichten haben sie gesagt, jeder dritte Deutsche sei voyeuristisch veranlagt. Mich wundert das nicht. Den Deutschen traue ich alles zu. Ich bin selber einer. Ich glaube sogar, dass die Zahl der Deutschen, die voyeuristisch veranlagt sind, viel höher ist, als in den Nachrichten zugegeben wird. Wir pendeln uns da so bei 100% ein. Die über 90jährigen vielleicht ausgenommen. Die haben eher mit sich selbst zu tun. Oder halt: vielleicht täusche ich mich auch. Kann sein, dass die Zahl der Voyeurristen in Deutschland nur bei 50% der Gesamtbevölkerungszahl liegt. Die andere Hälfte wären dann Exhibitionisten, denn es gleicht sich alles aus im Leben.« Er stellt sein Glas auf die Theke. Es ist leer. Nur die feine ölige Spur bleibt an der Innenseite. Ich weiß nicht, was er getrunken hat, vielleicht Wodka, jedenfalls rieche ich nichts. Ich habe aus Höflichkeit ein Bier bestellt, obwohl ich erst vor kaum zwei Stunden aufgestanden bin.
»Ich laufe durch den Park, der direkt vor meiner Haustür anfängt. Die Kastanien dort werfen in der Hitze einen angenehmen Schatten. ‘Voll porno, Alter.’ Ich denke mir nichts Böses. Ich höre den Menschen gerne zu, wenn sie so achtlos miteinander reden. Oft erkenne ich in dem, was sie sagen, eine seltsame Gleichheit zwischen ihnen und mir. Die beiden Jugendlichen vor mir wirken, als nähmen sie nichts außer sich wahr. 14 oder 15 Jahre alt. Sie sind miteinander vertraut, hauen sich gegenseitig auf die Schultern, boxen sich ab und zu in den Bauch, aber nur so, dass es nicht sehr weh tun kann. Ihre Stimmen können sich noch nicht entscheiden zwischen einer kindlichen Tonhöhe und dem Erstarken einer knarzenden Schwingung. ‚Hurensohn Wichser Fotze.’ Die Wörter, die sie sich an den Kopf schmeißen, haben aber alles Kindliche schon verloren. Einen Moment zögere ich und denke darüber nach, ob sich Belästigung durch Schimpfwörter als eine strafbare Handlung durchsetzen ließe.«
Er schüttelt den Kopf.
»Lässt es sich nicht.«
Ich nicke, so als ob ich wüsste, wovon er überhaupt spricht.
»Ich habe dich ja nicht aus Spaß angerufen«, sagt er, »ich weiß doch, wie das auf dich wirken muss.«
Die Müdigkeit hängt mir noch im Kopf, und ich bestelle ein zweites Bier.
»Vielleicht gilt es aber als strafbare Handlung, wenn ich bei Google bestimmte Wörter ins Suchfeld tippe. Alles, was dort nämlich irgendwer von irgendwo aus eingibt, wird, wie ich gehört habe, sorgfältig gespeichert. Auf Google-internen Servern. Nicht einmal die Polizei, ja nicht einmal die internationalen Geheimdienste kennen den Standort dieser Server, und ich stelle mir vor, wie Google, diese an sich unverdächtige Firma mit den netten bunten Buchstaben im Logo, ähnlich einer Familia funktioniert. Nichts dringt nach außen. Und verplaudert sich doch einmal jemand über die ihm anvertrauten Betriebsgeheimnisse, endet er mit einem Betonklotz an den Füßen im Hudson River oder in der Donau oder von mir aus auch in der Leine. Egal. Was ich eigentlich sagen wollte: Du kannst ja alles bei Google eintippen.«
Er schweigt. Und ich überlege einen Moment, ob es nicht besser wäre, sofort aufzustehen, zu bezahlen und nach Hause zu gehen. »Da hast du Recht«, sage ich stattdessen und möchte mir selbst ins Gesicht schlagen.
»Ja, aber klick mal auf Einstellungen. Das sieht ganz harmlos aus. Befindet sich direkt neben dem Suchfeld. Da kannst du alles Mögliche einstellen. Aber setz mal dein Häkchen bei Meine Suchergebnisse nicht filtern.«
Er sieht mich erwartungsvoll an.
»Wahrscheinlich werden dann meine Suchergebnisse nicht gefiltert«, sage ich.
»Du hast dich in den ganzen Jahren kein bisschen verändert.« Er leert sein Glas, das er ebenfalls neu bestellt hat und von dem ich immer noch nicht weiß, was es enthält, weil er bei seiner Bestellung der Bedienung nur zugenickt hat, er leert dieses Glas in einem Zug, als wollte er sich neues Leben antrinken.
Er habe mich angerufen, sagt er, weil er wisse, dass ich nicht jedem, der nicht meiner Meinung sei, ins Gesicht springe und ihn fertigmache.
»Aber wir haben uns jetzt bestimmt 5 oder 6 Jahre nicht gesehen«, sage ich, »woher willst du wissen, dass ich nicht ein ganz anderer geworden bin?«
»7 Jahre. Und ein anderer wird man nicht so schnell.«
»’Arschficker Schwanzlutscher Rosettenlecker’. Bei uns war das doch damals anders. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meiner Jugend solche Wörter benutzt hätte, jedenfalls nicht in einer solchen inflationären Weise. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand das getan hätte. Es sei denn, einer hatte zu viel getrunken und stand kurz vorm Delirium. Dann war ihm aber der Gebrauch von ‚ … ’ nachzusehen. Man stellte ihm einen Eimer hin, schob ihm vielleicht noch eine alte Decke unter den Kopf und wartete darauf, dass es ihm wieder besser ging. Mag sein, dass ich dazu neige, meine Kindheit und Jugend zu verklären. Mag sein, dass mein Gedächtnis alles dafür tut, um nicht mit peinlicher Betroffenheit darauf zurückblicken zu müssen. Und falls wir doch auch solche Wörter, einfach so, benutzt haben sollten, können wir uns zugute halten, dass wir gewusst haben werden, was wir da überhaupt sagten.«
»Du hast Recht«, sage ich, »wir hatten andere Laster.« Ich trinke mein Glas aus und widerstehe dem Reflex, mir gleich ein neues zu bestellen.
Es habe alles harmlos angefangen, sagt er, mit dem Eingeben kindischer Begriffe in die Bildersuche von Google. Madonna nackt. Ficken natürlich. Und Sex. Bei ausgeschaltetem Filter, verstehe sich. Mit der Zeit sei er dann aber auf immer abstrusere Ideen verfallen und habe die Namen von Bekannten oder von irgendwelchen halbberühmten Fernsehpersonen in Kombination mit Schlagwörtern wie Blowjob Gangbang oder lange Schwänze eingegeben, wobei ihn die Ergebnisse mit den langen Schwänzen besonders fasziniert hätten. Dabei habe er sich anfangs gar nicht getraut, die Links, die sich ihm darboten, auch anzuklicken, weil er fürchtete, sich einen Virus einzufangen.
»Einen Virus«, sagt er, »stell dir das vor! So weit ist es gekommen, dass ich, vor einem Computerbildschirm hockend, die Angst bekomme, ich könnte mir was wegholen.«
Ich weiß, dass er das als Witz gemeint hat, dennoch muss ich nicht lachen.
Jedenfalls sei ihm diese Googlesuche irgendwann nicht mehr genug gewesen. Der Hinweis am unteren Bildrand jeder Ergebnisseite, dass es noch weitere Ergebnisse gebe, welche aber aus rechtlichen Gründen nicht zugänglich gemacht werden dürften, habe seinen Sammlertrieb angestachelt. Er habe sich, sagt er, durchaus ernsthaft als einen Forscher betrachtet, der nur ein etwas eigentümliches Gebiet für seine Forschung gewählt habe. Aber welches Gebiet, solange es noch unerforscht sei, erwecke denn bitteschön keinen eigentümlichen Eindruck?
»Diese beiden Jugendlichen laufen also in einer Art Wiegegang vor mir her. Und ich laufe ihnen nach und kann mir nicht vorstellen, dass sie genau wissen, was sie da sagen, wenn sie sagen, was ich mir die ganze Zeit über anhören muss. Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, als benutzten sie alle diese Wörter nur in Stellvertretung für eine höhere Wahrheit, zu der sie sprachlich bloß noch nicht vorgedrungen sind. Von meinem ursprünglichen Ziel bin ich längst abgekommen. Ich trotte nur hinter ihnen her.« Sein Forschungsgebiet, sagt er und blickt dabei haarscharf an mir vorbei, sei also Sex im Internet gewesen, grob gesagt. Er habe allerdings schnell feststellen müssen, dass er bei weitem nicht der einzige Forscher in dieser Angelegenheit gewesen sei. »Du findest niemanden, der davon absolut keine Ahnung hat. Die über 90jährigen mal ausgenommen. Das Entscheidende ist aber: keiner stellt die wesentlichen Fragen, die das Gebiet aufwirft.«
»Welche sind denn die wesentlichen Fragen?«
»Dazu komme ich gleich.« Mit einem Nicken in Richtung der Bedienung bestellt er sich noch ein Glas.
»Ich stelle mir, während ich den Jugendlichen quer durch die Stadt folge, die Frage, was porno überhaupt bedeutet. Für mich war Porno bisher immer ein Substantiv. Hier aber wird es offensichtlich als Adjektiv verwendet, als niedliches Wie-Wort. Das passt schon mal nicht, nach meinem Empfinden. Man muss sich aber immer die Frage stellen: Warum? Wieso glauben diese Jugendlichen, porno sei ein Adjektiv? Irgendjemand oder irgendetwas ist porno. Ich habe herausgefunden, dass dies, je nach Kontext, so ziemlich alles bedeuten kann. Meist aber hat es die Bedeutung des in unserer Generation eher geläufigen geil. Ganz harmlos eigentlich. Wie oft wir das Wort geil benutzt haben und immer noch benutzen, ohne damit das Feld des Sexuellen auch nur zu streifen. Und auch damals haben uns die Älteren schräg angekuckt, wenn wir das Wort geil benutzt haben, weil es für sie eine eindeutige sexuelle Referenz aufwies. Wahrscheinlich meinen die vor mir her laufenden Jugendlichen, wenn sie porno sagen, also nichts weiter als cool oder, um es mal ganz anschaulich zu machen, knorke.«
Da ist die Möglichkeit ja nicht ganz so einfach zu realisieren. Warum zeigen sie sich ganz offen für jedermann, der einen Computer bedienen kann, ohne sich die Hände dabei zu brechen, während sie sexuelle Handlungen vollziehen? Ich spreche jetzt nicht von Professionalismus, also von der Industrie, die es ja immer gegeben hat, auch in den guten alten Zeiten der VHS-Videokassette, und die ihre Verbreitungsmechanismen nur den modernen Gegebenheiten anpasst, um zu überleben. Wenn also Filme und Sequenzen von Gina Wild oder Sylvia Saint oder egal von welchem professionellen Darsteller im Internet zugänglich sind, dann haben wir es bloß mit nachvollziehbaren ökonomischen Handlungsweisen zu tun. Wirtschaft, sonst nichts.«
»Du hast dich ja wirklich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt«, sage ich und winke die Bedienung heran für ein weiteres Bier. Mittlerweile ist meine Kehle vom vielen Zuhören ausgetrocknet.
»Mach dich nicht lustig über mich. Das kann jeder.«
»Aber das Private ist vom Grundgedanken her erstmal kein Wirtschaftszweig, in Sachen Sex meine ich. Natürlich gibt es, genau wie es Youtube gibt, auch Youporn. Du wirst das wissen. Und beide Portale funktionieren nach demselben Prinzip. Der Privatmensch macht anderen Privatmenschen bewegte Bilder zugänglich. Das hört sich grundsätzlich recht basisdemokratisch an, treibt aber bald die obskursten Auswüchse. Ob du jetzt auf Youtube dir anschaust, wie irgendein Ahnungsloser eine Stufe verfehlt und eine fünf Meter lange Betontreppe hinunterstürzt, um unten festzustellen, dass sein Schienbeinknochen durch die Jeans spießt, oder ob du zukuckst, wie deine potentiellen Nachbarn unter Aufwendung von viel Phantasie und Einsatz von allerlei Hilfsmitteln sich dumm und dämlich vögeln – der Unterschied ist doch bloß ein hormoneller. Das, was beide Typen von Privatem, ob es sich nun um Katastrophen oder Intimitäten handelt, vereint, ist derjenige, der auf der anderen Seite des Bildschirms sitzt, könnte man meinen. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit.«
»Und was ist dann die ganze Wahrheit«, frage ich und will hinzusetzen, warum er mir das überhaupt alles erzählt, warum er mir mit seinen Theorien und Ansichten, die er doch auch genauso gut für sich behalten und damit froh werden könnte, auf die Nerven geht. Ich lasse es aber, denn ich sehe, wie er unablässig an seinem Getränk, dieser klaren Flüssigkeit, nippt, und fürchte, er würde in seinem Zustand möglicherweise nicht nur verbal ausfällig werden.
Voyeuristen und Exhibitionisten. Wenn man, wie es oft so gern getan wird, von einer voyeuristischen Gesellschaft spricht, muss man mindestens genauso laut von einer exhibitionistischen Gesellschaft sprechen. Die Darstellung von privatem Sex im Internet ist nichts weiter als die Verlagerung der Geltungssucht in den Bereich hinein, der vor nicht allzu langer Zeit noch von Oswald Kolle pseudowissenschaftlich durchdekliniert wurde.
Und das heißt auch, dass Sex, die grobkörnige Variante der Amateurvideos, allgegenwärtig ist, denn das Medium, durch das er transportiert wird, ist allgegenwärtig. Es lässt sich nicht mehr abschalten. Es läuft weiter und immer weiter, bis es sich selbst vollkommen verschlungen haben wird.«
Schweißperlen treten auf seine Stirn.
»Du solltest jetzt aufhören, dieses Zeug zu trinken«, sage ich und zeige auf sein Glas.
»Das ist Leitungswasser, was hast du gegen Leitungswasser?«
Plötzlich merke ich, dass die drei Biere – oder waren es schon vier? – ihre Wirkung bei mir hinterlassen haben, und ich erwidere nichts.
Es sei also nur natürlich, fährt er fort, wenn die beiden vor ihm her laufenden Jugendlichen eine ganz und gar durchsexualisierte Sprache sprächen. Wundern würde es ihn, wenn dem nicht so wäre. Die Beeinflussung der Sprache durch solche minderwertigen Medien sei allerdings auch nicht tragisch. Die Sprache erkämpfe sich immer ihren eigenen Weg auf lange Sicht. Tragisch sei die Beeinflussung der Köpfe durch diese Medien. Und das sei ihm am Beispiel seines eigenen Kopfes deutlich geworden.
»Wir, die Jugendlichen und ich, laufen an einer Bushaltestelle vorbei. Sie beschäftigen sich ausschließlich mit sich selbst, während ich mich ausschließlich mit ihnen beschäftige. Eine dickliche Frau, die aussieht wie eine Mutter, weil sie einen Kinderwagen schaukelt, blickt mich an, als wisse sie genau, was in meinem Kopf vorgeht. Plötzlich spüre ich, wie einen dicken Klumpen Schleim, den ich nicht herunterschlucken kann und der mir in der Kehle brennt, dass ich längst die Verfolgung aufgenommen habe. Seit Stunden, so kommt es mir nun vor, bin ich den Jugendlichen auf den Fersen, und ich weiß selber nicht, warum. Wenn du mich heute danach fragst«, sagt er, »kann ich dir natürlich eine Antwort darauf geben. Aber sie würde dich nicht befriedigen und mich auch nicht.«
»Eins noch«, sage ich und deute auf mein Bierglas, »dann muss ich gehen.«
Aus der kleinen, an den Schankraum angeschlossenen Küche dringen klappernde Geräusche. Anscheinend bereitet sich der Koch auf die Mittagsgäste vor.
»Bevor ich mich selbst ergründen kann, bevor ich mit Sicherheit sagen kann, warum ich den Jugendlichen gefolgt bin wie ein abgerissener Entblößer und warum ich nun nicht mehr aufhören kann, daran zu denken, muss ich erst herausfinden, wie genau diese verwackelten Bilder funktionieren. Mit einem Mausklick hast du plötzlich überdimensionierte Geschlechtsteile auf deinem Bildschirm, die langen Schwänze der Nachbarschaft, inklusive der entsprechenden Soundkulisse. Jedenfalls kann ich nicht aufhören, das anzunehmen. Selbst beim Einkaufen oder wenn ich den Müll rausbringe, halte ich immer die Augen offen, ob ich nicht jemanden wiedererkenne. Das schlimmste aber ist, dass ich immer fürchte, die Leute würden mich erkennen, sie würden mir ansehen, auf welchem Gebiet ich tagaus tagein forsche. Übrigens träume ich nie von dem, womit ich mich während des Tages beschäftige. Nur muss ich manchmal darüber reden, weil ich sonst nicht glauben kann, dass ich mich noch nicht aufgelöst habe. Zu welcher Gruppe gehörst eigentlich du«, fragt er und blickt mich mit ganz trocknen Augen dabei an, »Voyeuristen oder Exhibitionisten?«
»Irgendwelche –isten werden es schon sein«, sage ich und warte auf mein letztes Bier.
zurück
Die langen Schwänze der Nachbarschaft
von Lars Reyer
»In den Nachrichten haben sie gesagt, jeder dritte Deutsche sei voyeuristisch veranlagt. Mich wundert das nicht. Den Deutschen traue ich alles zu. Ich bin selber einer. Ich glaube sogar, dass die Zahl der Deutschen, die voyeuristisch veranlagt sind, viel höher ist, als in den Nachrichten zugegeben wird. Wir pendeln uns da so bei 100% ein. Die über 90jährigen vielleicht ausgenommen. Die haben eher mit sich selbst zu tun. Oder halt: vielleicht täusche ich mich auch. Kann sein, dass die Zahl der Voyeurristen in Deutschland nur bei 50% der Gesamtbevölkerungszahl liegt. Die andere Hälfte wären dann Exhibitionisten, denn es gleicht sich alles aus im Leben.« Er stellt sein Glas auf die Theke. Es ist leer. Nur die feine ölige Spur bleibt an der Innenseite. Ich weiß nicht, was er getrunken hat, vielleicht Wodka, jedenfalls rieche ich nichts. Ich habe aus Höflichkeit ein Bier bestellt, obwohl ich erst vor kaum zwei Stunden aufgestanden bin.
»Ich laufe durch den Park, der direkt vor meiner Haustür anfängt. Die Kastanien dort werfen in der Hitze einen angenehmen Schatten. ‘Voll porno, Alter.’ Ich denke mir nichts Böses. Ich höre den Menschen gerne zu, wenn sie so achtlos miteinander reden. Oft erkenne ich in dem, was sie sagen, eine seltsame Gleichheit zwischen ihnen und mir. Die beiden Jugendlichen vor mir wirken, als nähmen sie nichts außer sich wahr. 14 oder 15 Jahre alt. Sie sind miteinander vertraut, hauen sich gegenseitig auf die Schultern, boxen sich ab und zu in den Bauch, aber nur so, dass es nicht sehr weh tun kann. Ihre Stimmen können sich noch nicht entscheiden zwischen einer kindlichen Tonhöhe und dem Erstarken einer knarzenden Schwingung. ‚Hurensohn Wichser Fotze.’ Die Wörter, die sie sich an den Kopf schmeißen, haben aber alles Kindliche schon verloren. Einen Moment zögere ich und denke darüber nach, ob sich Belästigung durch Schimpfwörter als eine strafbare Handlung durchsetzen ließe.«
Er schüttelt den Kopf.
»Lässt es sich nicht.«
Ich nicke, so als ob ich wüsste, wovon er überhaupt spricht.
»Ich habe dich ja nicht aus Spaß angerufen«, sagt er, »ich weiß doch, wie das auf dich wirken muss.«
Die Müdigkeit hängt mir noch im Kopf, und ich bestelle ein zweites Bier.
»Vielleicht gilt es aber als strafbare Handlung, wenn ich bei Google bestimmte Wörter ins Suchfeld tippe. Alles, was dort nämlich irgendwer von irgendwo aus eingibt, wird, wie ich gehört habe, sorgfältig gespeichert. Auf Google-internen Servern. Nicht einmal die Polizei, ja nicht einmal die internationalen Geheimdienste kennen den Standort dieser Server, und ich stelle mir vor, wie Google, diese an sich unverdächtige Firma mit den netten bunten Buchstaben im Logo, ähnlich einer Familia funktioniert. Nichts dringt nach außen. Und verplaudert sich doch einmal jemand über die ihm anvertrauten Betriebsgeheimnisse, endet er mit einem Betonklotz an den Füßen im Hudson River oder in der Donau oder von mir aus auch in der Leine. Egal. Was ich eigentlich sagen wollte: Du kannst ja alles bei Google eintippen.«
Er schweigt. Und ich überlege einen Moment, ob es nicht besser wäre, sofort aufzustehen, zu bezahlen und nach Hause zu gehen. »Da hast du Recht«, sage ich stattdessen und möchte mir selbst ins Gesicht schlagen.
»Ja, aber klick mal auf Einstellungen. Das sieht ganz harmlos aus. Befindet sich direkt neben dem Suchfeld. Da kannst du alles Mögliche einstellen. Aber setz mal dein Häkchen bei Meine Suchergebnisse nicht filtern.«
Er sieht mich erwartungsvoll an.
»Wahrscheinlich werden dann meine Suchergebnisse nicht gefiltert«, sage ich.
»Du hast dich in den ganzen Jahren kein bisschen verändert.« Er leert sein Glas, das er ebenfalls neu bestellt hat und von dem ich immer noch nicht weiß, was es enthält, weil er bei seiner Bestellung der Bedienung nur zugenickt hat, er leert dieses Glas in einem Zug, als wollte er sich neues Leben antrinken.
Er habe mich angerufen, sagt er, weil er wisse, dass ich nicht jedem, der nicht meiner Meinung sei, ins Gesicht springe und ihn fertigmache.
»Aber wir haben uns jetzt bestimmt 5 oder 6 Jahre nicht gesehen«, sage ich, »woher willst du wissen, dass ich nicht ein ganz anderer geworden bin?«
»7 Jahre. Und ein anderer wird man nicht so schnell.«
»’Arschficker Schwanzlutscher Rosettenlecker’. Bei uns war das doch damals anders. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in meiner Jugend solche Wörter benutzt hätte, jedenfalls nicht in einer solchen inflationären Weise. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendjemand das getan hätte. Es sei denn, einer hatte zu viel getrunken und stand kurz vorm Delirium. Dann war ihm aber der Gebrauch von ‚ … ’ nachzusehen. Man stellte ihm einen Eimer hin, schob ihm vielleicht noch eine alte Decke unter den Kopf und wartete darauf, dass es ihm wieder besser ging. Mag sein, dass ich dazu neige, meine Kindheit und Jugend zu verklären. Mag sein, dass mein Gedächtnis alles dafür tut, um nicht mit peinlicher Betroffenheit darauf zurückblicken zu müssen. Und falls wir doch auch solche Wörter, einfach so, benutzt haben sollten, können wir uns zugute halten, dass wir gewusst haben werden, was wir da überhaupt sagten.«
»Du hast Recht«, sage ich, »wir hatten andere Laster.« Ich trinke mein Glas aus und widerstehe dem Reflex, mir gleich ein neues zu bestellen.
Es habe alles harmlos angefangen, sagt er, mit dem Eingeben kindischer Begriffe in die Bildersuche von Google. Madonna nackt. Ficken natürlich. Und Sex. Bei ausgeschaltetem Filter, verstehe sich. Mit der Zeit sei er dann aber auf immer abstrusere Ideen verfallen und habe die Namen von Bekannten oder von irgendwelchen halbberühmten Fernsehpersonen in Kombination mit Schlagwörtern wie Blowjob Gangbang oder lange Schwänze eingegeben, wobei ihn die Ergebnisse mit den langen Schwänzen besonders fasziniert hätten. Dabei habe er sich anfangs gar nicht getraut, die Links, die sich ihm darboten, auch anzuklicken, weil er fürchtete, sich einen Virus einzufangen.
»Einen Virus«, sagt er, »stell dir das vor! So weit ist es gekommen, dass ich, vor einem Computerbildschirm hockend, die Angst bekomme, ich könnte mir was wegholen.«
Ich weiß, dass er das als Witz gemeint hat, dennoch muss ich nicht lachen.
Jedenfalls sei ihm diese Googlesuche irgendwann nicht mehr genug gewesen. Der Hinweis am unteren Bildrand jeder Ergebnisseite, dass es noch weitere Ergebnisse gebe, welche aber aus rechtlichen Gründen nicht zugänglich gemacht werden dürften, habe seinen Sammlertrieb angestachelt. Er habe sich, sagt er, durchaus ernsthaft als einen Forscher betrachtet, der nur ein etwas eigentümliches Gebiet für seine Forschung gewählt habe. Aber welches Gebiet, solange es noch unerforscht sei, erwecke denn bitteschön keinen eigentümlichen Eindruck?
»Diese beiden Jugendlichen laufen also in einer Art Wiegegang vor mir her. Und ich laufe ihnen nach und kann mir nicht vorstellen, dass sie genau wissen, was sie da sagen, wenn sie sagen, was ich mir die ganze Zeit über anhören muss. Mehr und mehr bekomme ich das Gefühl, als benutzten sie alle diese Wörter nur in Stellvertretung für eine höhere Wahrheit, zu der sie sprachlich bloß noch nicht vorgedrungen sind. Von meinem ursprünglichen Ziel bin ich längst abgekommen. Ich trotte nur hinter ihnen her.« Sein Forschungsgebiet, sagt er und blickt dabei haarscharf an mir vorbei, sei also Sex im Internet gewesen, grob gesagt. Er habe allerdings schnell feststellen müssen, dass er bei weitem nicht der einzige Forscher in dieser Angelegenheit gewesen sei. »Du findest niemanden, der davon absolut keine Ahnung hat. Die über 90jährigen mal ausgenommen. Das Entscheidende ist aber: keiner stellt die wesentlichen Fragen, die das Gebiet aufwirft.«
»Welche sind denn die wesentlichen Fragen?«
»Dazu komme ich gleich.« Mit einem Nicken in Richtung der Bedienung bestellt er sich noch ein Glas.
»Ich stelle mir, während ich den Jugendlichen quer durch die Stadt folge, die Frage, was porno überhaupt bedeutet. Für mich war Porno bisher immer ein Substantiv. Hier aber wird es offensichtlich als Adjektiv verwendet, als niedliches Wie-Wort. Das passt schon mal nicht, nach meinem Empfinden. Man muss sich aber immer die Frage stellen: Warum? Wieso glauben diese Jugendlichen, porno sei ein Adjektiv? Irgendjemand oder irgendetwas ist porno. Ich habe herausgefunden, dass dies, je nach Kontext, so ziemlich alles bedeuten kann. Meist aber hat es die Bedeutung des in unserer Generation eher geläufigen geil. Ganz harmlos eigentlich. Wie oft wir das Wort geil benutzt haben und immer noch benutzen, ohne damit das Feld des Sexuellen auch nur zu streifen. Und auch damals haben uns die Älteren schräg angekuckt, wenn wir das Wort geil benutzt haben, weil es für sie eine eindeutige sexuelle Referenz aufwies. Wahrscheinlich meinen die vor mir her laufenden Jugendlichen, wenn sie porno sagen, also nichts weiter als cool oder, um es mal ganz anschaulich zu machen, knorke.«
Da ist die Möglichkeit ja nicht ganz so einfach zu realisieren. Warum zeigen sie sich ganz offen für jedermann, der einen Computer bedienen kann, ohne sich die Hände dabei zu brechen, während sie sexuelle Handlungen vollziehen? Ich spreche jetzt nicht von Professionalismus, also von der Industrie, die es ja immer gegeben hat, auch in den guten alten Zeiten der VHS-Videokassette, und die ihre Verbreitungsmechanismen nur den modernen Gegebenheiten anpasst, um zu überleben. Wenn also Filme und Sequenzen von Gina Wild oder Sylvia Saint oder egal von welchem professionellen Darsteller im Internet zugänglich sind, dann haben wir es bloß mit nachvollziehbaren ökonomischen Handlungsweisen zu tun. Wirtschaft, sonst nichts.«
»Du hast dich ja wirklich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt«, sage ich und winke die Bedienung heran für ein weiteres Bier. Mittlerweile ist meine Kehle vom vielen Zuhören ausgetrocknet.
»Mach dich nicht lustig über mich. Das kann jeder.«
»Aber das Private ist vom Grundgedanken her erstmal kein Wirtschaftszweig, in Sachen Sex meine ich. Natürlich gibt es, genau wie es Youtube gibt, auch Youporn. Du wirst das wissen. Und beide Portale funktionieren nach demselben Prinzip. Der Privatmensch macht anderen Privatmenschen bewegte Bilder zugänglich. Das hört sich grundsätzlich recht basisdemokratisch an, treibt aber bald die obskursten Auswüchse. Ob du jetzt auf Youtube dir anschaust, wie irgendein Ahnungsloser eine Stufe verfehlt und eine fünf Meter lange Betontreppe hinunterstürzt, um unten festzustellen, dass sein Schienbeinknochen durch die Jeans spießt, oder ob du zukuckst, wie deine potentiellen Nachbarn unter Aufwendung von viel Phantasie und Einsatz von allerlei Hilfsmitteln sich dumm und dämlich vögeln – der Unterschied ist doch bloß ein hormoneller. Das, was beide Typen von Privatem, ob es sich nun um Katastrophen oder Intimitäten handelt, vereint, ist derjenige, der auf der anderen Seite des Bildschirms sitzt, könnte man meinen. Das wäre aber nur die halbe Wahrheit.«
»Und was ist dann die ganze Wahrheit«, frage ich und will hinzusetzen, warum er mir das überhaupt alles erzählt, warum er mir mit seinen Theorien und Ansichten, die er doch auch genauso gut für sich behalten und damit froh werden könnte, auf die Nerven geht. Ich lasse es aber, denn ich sehe, wie er unablässig an seinem Getränk, dieser klaren Flüssigkeit, nippt, und fürchte, er würde in seinem Zustand möglicherweise nicht nur verbal ausfällig werden.
Voyeuristen und Exhibitionisten. Wenn man, wie es oft so gern getan wird, von einer voyeuristischen Gesellschaft spricht, muss man mindestens genauso laut von einer exhibitionistischen Gesellschaft sprechen. Die Darstellung von privatem Sex im Internet ist nichts weiter als die Verlagerung der Geltungssucht in den Bereich hinein, der vor nicht allzu langer Zeit noch von Oswald Kolle pseudowissenschaftlich durchdekliniert wurde.
Und das heißt auch, dass Sex, die grobkörnige Variante der Amateurvideos, allgegenwärtig ist, denn das Medium, durch das er transportiert wird, ist allgegenwärtig. Es lässt sich nicht mehr abschalten. Es läuft weiter und immer weiter, bis es sich selbst vollkommen verschlungen haben wird.«
Schweißperlen treten auf seine Stirn.
»Du solltest jetzt aufhören, dieses Zeug zu trinken«, sage ich und zeige auf sein Glas.
»Das ist Leitungswasser, was hast du gegen Leitungswasser?«
Plötzlich merke ich, dass die drei Biere – oder waren es schon vier? – ihre Wirkung bei mir hinterlassen haben, und ich erwidere nichts.
Es sei also nur natürlich, fährt er fort, wenn die beiden vor ihm her laufenden Jugendlichen eine ganz und gar durchsexualisierte Sprache sprächen. Wundern würde es ihn, wenn dem nicht so wäre. Die Beeinflussung der Sprache durch solche minderwertigen Medien sei allerdings auch nicht tragisch. Die Sprache erkämpfe sich immer ihren eigenen Weg auf lange Sicht. Tragisch sei die Beeinflussung der Köpfe durch diese Medien. Und das sei ihm am Beispiel seines eigenen Kopfes deutlich geworden.
»Wir, die Jugendlichen und ich, laufen an einer Bushaltestelle vorbei. Sie beschäftigen sich ausschließlich mit sich selbst, während ich mich ausschließlich mit ihnen beschäftige. Eine dickliche Frau, die aussieht wie eine Mutter, weil sie einen Kinderwagen schaukelt, blickt mich an, als wisse sie genau, was in meinem Kopf vorgeht. Plötzlich spüre ich, wie einen dicken Klumpen Schleim, den ich nicht herunterschlucken kann und der mir in der Kehle brennt, dass ich längst die Verfolgung aufgenommen habe. Seit Stunden, so kommt es mir nun vor, bin ich den Jugendlichen auf den Fersen, und ich weiß selber nicht, warum. Wenn du mich heute danach fragst«, sagt er, »kann ich dir natürlich eine Antwort darauf geben. Aber sie würde dich nicht befriedigen und mich auch nicht.«
»Eins noch«, sage ich und deute auf mein Bierglas, »dann muss ich gehen.«
Aus der kleinen, an den Schankraum angeschlossenen Küche dringen klappernde Geräusche. Anscheinend bereitet sich der Koch auf die Mittagsgäste vor.
»Bevor ich mich selbst ergründen kann, bevor ich mit Sicherheit sagen kann, warum ich den Jugendlichen gefolgt bin wie ein abgerissener Entblößer und warum ich nun nicht mehr aufhören kann, daran zu denken, muss ich erst herausfinden, wie genau diese verwackelten Bilder funktionieren. Mit einem Mausklick hast du plötzlich überdimensionierte Geschlechtsteile auf deinem Bildschirm, die langen Schwänze der Nachbarschaft, inklusive der entsprechenden Soundkulisse. Jedenfalls kann ich nicht aufhören, das anzunehmen. Selbst beim Einkaufen oder wenn ich den Müll rausbringe, halte ich immer die Augen offen, ob ich nicht jemanden wiedererkenne. Das schlimmste aber ist, dass ich immer fürchte, die Leute würden mich erkennen, sie würden mir ansehen, auf welchem Gebiet ich tagaus tagein forsche. Übrigens träume ich nie von dem, womit ich mich während des Tages beschäftige. Nur muss ich manchmal darüber reden, weil ich sonst nicht glauben kann, dass ich mich noch nicht aufgelöst habe. Zu welcher Gruppe gehörst eigentlich du«, fragt er und blickt mich mit ganz trocknen Augen dabei an, »Voyeuristen oder Exhibitionisten?«
»Irgendwelche –isten werden es schon sein«, sage ich und warte auf mein letztes Bier.
zurück