erschienen in der HOW TO #3 – Clown
von Alex Leask
Die Clown Army macht mobil.
Wir hören: GONG – Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Wir sehen: Jan Hofer. Demo, schwarzer Block, grüner Block. Pflastersteine, Tränengas, Wasserwerfer. Ein Molotow-Cocktail. Das medial tradierte Ritual einer linken Demonstration gegen Asylgesetze, Abschiebung, Nazi-Übergriffe, Atommülltransporte und so viele andere Ungerechtigkeiten. In den Nachrichten ist es entweder der ideologisch gefestigte Anarchosyndikalist mit Bakunin-Kenntnissen und Hang zum physischen Diskurs oder der Krawalltourist, der in der Anonymität der schwarzen Protestmasse zum Polithooligan wird. Gewalt ist zu erwarten. Entweder als Mittel, geheiligt durch den hehren Zweck, oder in Reinform zur Aufpolierung des Ego.
Der kevlarbewehrte Uniformträger weiß, was er zu erwarten hat. Und er weiß vor allem, wie er sich verhalten muss. Er hat Taktiken trainiert, kennt strategische Verhaltensmuster, ist im Zweikampf geschult und braucht in einer Konfrontation wenig zu fürchten, denn zum einen ist das Recht auf seiner Seite und zum anderen die öffentliche Meinung. Vox populi: Die Provokation geht von den Vermummten aus. Denn wer sein Gesicht nicht zeigt, hat sicher etwas zu verbergen.
Szenenwechsel. Gleneagles, Schottland im Juli 2005. Das 31. Gipfeltreffen der G8 unter Vorsitz von Tony Blair schreibt sich Themen wie Klimawandel und Entschuldung der Dritten Welt auf die Agenda. Ein wenig angeschoben durch die pop-musikalischen Gutmenschen Sir Bob Geldof, Sir Bono und unseres vergleichsweise schlichten Herbert aus Bochum mit deren Live 8 Aktion. Bemerkenswerte Randnotiz: Der Führer der freien Welt, George W., stürzt bei einer Mountainbike-Ausfahrt und verletzt dabei einen Polizisten. Verhaftet wird er trotz dieses tätlichen Angriffs nicht.
Währenddessen protestieren 200 000 Menschen für das Ende der Armut in der Dritten Welt in Edinburgh unter dem Motto »Make Poverty History«. Ein großer Teil dieser Demonstranten macht sich dann auch auf den Weg nach Auchterarder, um sich dort bei den Staatschefs der acht führenden Wirtschaftsmächte Gehör zu verschaffen. Ihnen wird das größte Polizeiaufgebot entgegengestellt, das Großbritannien in Friedenszeiten je mobilisiert hat. Unterstützt von Geheimdiensteinheiten des MI5 und selbst der Antiterroreinheit SAS.
In der Menge der Globalisierungsgegner befinden sich auch einige Aktivisten, die nicht dem gängigen Bild des Linksdemonstranten entsprechen. Bunte Farbe im Gesicht, Lockenperücken, Pappnasen, überdimensionierte Schuhe und bewaffnet mit Seifenblasen und Spritzpistolen. Kichernd stolpert die Clandestine Insurgent Rebel Clown Army zum ersten Mal in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Karneval im calvinistischen Schottland? Eher nicht. Verdutzt stehen die Beamten in Formation und lassen sich den Staub von ihren Schutzschildern wedeln.
Sie sehen sich einer Streitmacht gegenüber, die nicht nach den eingespielten Mechanismen der Konfrontation und Provokation agiert, sondern imitiert, parodiert und persifliert. Denn genau das ist die Taktik der Clown Army, die in den Big Shoe Camps gedrillt wird. Es ist eine Taktik, auf die die Staatschützer in Unform und Zivil nicht eingestellt sind. Es ist eine Form des politischen Aktivismus, der versucht, die uralte Kunstform der Clownerie in Einklang zu bringen mit der neueren Praxis der gewaltfreien direkten Aktion. Es ist noch nicht mal Widerstand, der in den Vordergrund gestellt wird, sondern vielmehr der Versuch zu verdeutlichen, wie absurd und ineffizient die Rituale der Macht und der Gegenbewegung mittlerweile geworden sind. Stellte sich traditionellerweise eine Hundertschaft in den Weg einer Demonstration, war es eingespielte Praxis, dass sich der harte Kern nach vorne bewegt und entweder versucht durchzubrechen oder selbst Barrikaden errichtet, um mit Molotowcocktails gegen Tränengas und Wasserwerfer einen Grabenkampf anzuzetteln, der nur verloren werden kann. Die Clown Army rückt in einer solchen Situation auch nach vorne, direkt auf die Polizistenwand zu. Allerdings schenkt sie dort den Polizisten Blumen und verziert die Schutzschilde noch mit lachenden Gesichtern aus Wachsmalkreide.
Besonders beliebt zur »Gefahrenabwehr« ist der Kessel. Subversive und bedrohliche Elemente einer Demonstrantenmasse werden eingekreist und so isoliert. Die bislang handelsübliche Gegenmaxime war natürlich der Versuch auszubrechen oder eingekesselte Aktivisten herauszuziehen. Die Clown Army reagiert anders. Sobald Freunde in der Ringelreihe der Polizei eingefasst sind, interpretieren sie dies als einen exklusiven Kreis der Freude, in den sie unbedingt hineingelangen müssen. Dies tun sie dann auch unter lautem Gejauchze. Nicht nur lässt dieses Verhalten den einzelnen Beamten perplex zurück, es unterminiert auch diese Polizeitaktik, da, was als Darstellung des Gewaltmonopols gedacht ist, nun offensichtlich jeden Schrecken verloren hat.
Solche und ähnliche Aktionen tragen unmittelbar zur Deeskalation eines potentiellen Brandherdes bei. Sie helfen aber vor allem beiden Seiten, den nächsten wichtigen Schritt zu machen, nämlich zu hinterfragen, welche Aufgaben sie eigentlich leisten sollen. Was soll eine Demonstration bewirken? Inwiefern muss sich die Polizei entgegenstellen? Wen oder was will sie eigentlich schützen? Und vor wem? Viel zu einfach war es bislang, sich vor der Öffentlichkeit auf gewaltbereite Chaoten zu berufen. Und schnell war auch die Clown Army mit dem Label gefährlich behaftet.
Als beim G8 Gipfel 2007 in Heiligendamm die Clown Army auf die Polizei von Mecklenburg-Vorpommern und Bundesgrenzschutz trifft, werden acht Polizisten mit Verdacht auf Verätzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein subversiver Säureanschlag, wie man ihn sonst nur aus dem ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf kennt? Mitnichten. Dass Seifenlauge in den Augen brennt, weiß jedes Kind. Deswegen darf Pustefix auch erst an Kinder ab vier Jahren verkauft werden. Aber es macht eben auch schöne Seifenblasen.
Nur, was wollen diese Clowns eigentlich? Das ist die Frage, die sowohl Medien als auch Staatsapparate vornehmlich bewegt. Denn so undurchsichtig und unvorhersehbar ihre Aktionen sind, so unklar ist auch das, was dahinter steckt. Sie sind ein heterogener Haufen, der sich nicht durch ideologische Herkunft per se definiert. Von vielen als Anarchisten bezeichnet, ist die Selbsteinschätzung eine andere. Sie sehen sich als Horizontalisten, engagiert für eine Gesellschaft ohne Führung.
Sie erleben eine absurde Gesellschaft, die im dauerhaften Kriegszustand ist. Ein Krieg von Geld gegen Leben, Profit gegen Würde und Fortschritt gegen Zukunft. Diesem alltäglichen Krieg muss eine Armee aus Clowns begegnen, denn »was bleibt einem anderes übrig, als ein Clown zu sein in dieser bescheuerten Welt … aber ein Clown alleine ist eine bemitleidenswerte Figur, aber in Batallionen sind sie außerordentlich gefährlich«. Sie wollen dort, wo "»Bomben versagen, mit verächtlichem Gelächter siegen«":http://www.clownarmy.org
Und mit welchem Erfolg? Einige Polizeisperren wurden in Schottland und Heiligendamm aufgelöst und umgangen durch die Clowns und deren unterhaltsame Schmeicheleien. Kleinigkeiten. Aber vor allen Dingen haben sie es geschafft, das öffentliche Bild des Globalisierungsgegners um eine Nuance zu erweitern, die es den Medien schwerer macht, den gewaltbereiten Chaoten zum bestimmenden Element ihrer Berichterstattung zu stilisieren. Die ästhetische und aktionistische Berechenbarkeit des schwarzen Blocks wird abgelöst durch die telegene Spontaneität der Clown Army, der unterhaltsamsten Gefahr für das kapitalistische Establishment.
Nächster Auftritt im Tourneekalender ist übrigens Tokio. Im Sommer 2008. Beim nächsten G8 Gipfel.
zurück
Wasserwerfer gegen Spritzpistolen
von Alex Leask
Die Clown Army macht mobil.
Wir hören: GONG – Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Wir sehen: Jan Hofer. Demo, schwarzer Block, grüner Block. Pflastersteine, Tränengas, Wasserwerfer. Ein Molotow-Cocktail. Das medial tradierte Ritual einer linken Demonstration gegen Asylgesetze, Abschiebung, Nazi-Übergriffe, Atommülltransporte und so viele andere Ungerechtigkeiten. In den Nachrichten ist es entweder der ideologisch gefestigte Anarchosyndikalist mit Bakunin-Kenntnissen und Hang zum physischen Diskurs oder der Krawalltourist, der in der Anonymität der schwarzen Protestmasse zum Polithooligan wird. Gewalt ist zu erwarten. Entweder als Mittel, geheiligt durch den hehren Zweck, oder in Reinform zur Aufpolierung des Ego.
Der kevlarbewehrte Uniformträger weiß, was er zu erwarten hat. Und er weiß vor allem, wie er sich verhalten muss. Er hat Taktiken trainiert, kennt strategische Verhaltensmuster, ist im Zweikampf geschult und braucht in einer Konfrontation wenig zu fürchten, denn zum einen ist das Recht auf seiner Seite und zum anderen die öffentliche Meinung. Vox populi: Die Provokation geht von den Vermummten aus. Denn wer sein Gesicht nicht zeigt, hat sicher etwas zu verbergen.
Szenenwechsel. Gleneagles, Schottland im Juli 2005. Das 31. Gipfeltreffen der G8 unter Vorsitz von Tony Blair schreibt sich Themen wie Klimawandel und Entschuldung der Dritten Welt auf die Agenda. Ein wenig angeschoben durch die pop-musikalischen Gutmenschen Sir Bob Geldof, Sir Bono und unseres vergleichsweise schlichten Herbert aus Bochum mit deren Live 8 Aktion. Bemerkenswerte Randnotiz: Der Führer der freien Welt, George W., stürzt bei einer Mountainbike-Ausfahrt und verletzt dabei einen Polizisten. Verhaftet wird er trotz dieses tätlichen Angriffs nicht.
Währenddessen protestieren 200 000 Menschen für das Ende der Armut in der Dritten Welt in Edinburgh unter dem Motto »Make Poverty History«. Ein großer Teil dieser Demonstranten macht sich dann auch auf den Weg nach Auchterarder, um sich dort bei den Staatschefs der acht führenden Wirtschaftsmächte Gehör zu verschaffen. Ihnen wird das größte Polizeiaufgebot entgegengestellt, das Großbritannien in Friedenszeiten je mobilisiert hat. Unterstützt von Geheimdiensteinheiten des MI5 und selbst der Antiterroreinheit SAS.
In der Menge der Globalisierungsgegner befinden sich auch einige Aktivisten, die nicht dem gängigen Bild des Linksdemonstranten entsprechen. Bunte Farbe im Gesicht, Lockenperücken, Pappnasen, überdimensionierte Schuhe und bewaffnet mit Seifenblasen und Spritzpistolen. Kichernd stolpert die Clandestine Insurgent Rebel Clown Army zum ersten Mal in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Karneval im calvinistischen Schottland? Eher nicht. Verdutzt stehen die Beamten in Formation und lassen sich den Staub von ihren Schutzschildern wedeln.
Sie sehen sich einer Streitmacht gegenüber, die nicht nach den eingespielten Mechanismen der Konfrontation und Provokation agiert, sondern imitiert, parodiert und persifliert. Denn genau das ist die Taktik der Clown Army, die in den Big Shoe Camps gedrillt wird. Es ist eine Taktik, auf die die Staatschützer in Unform und Zivil nicht eingestellt sind. Es ist eine Form des politischen Aktivismus, der versucht, die uralte Kunstform der Clownerie in Einklang zu bringen mit der neueren Praxis der gewaltfreien direkten Aktion. Es ist noch nicht mal Widerstand, der in den Vordergrund gestellt wird, sondern vielmehr der Versuch zu verdeutlichen, wie absurd und ineffizient die Rituale der Macht und der Gegenbewegung mittlerweile geworden sind. Stellte sich traditionellerweise eine Hundertschaft in den Weg einer Demonstration, war es eingespielte Praxis, dass sich der harte Kern nach vorne bewegt und entweder versucht durchzubrechen oder selbst Barrikaden errichtet, um mit Molotowcocktails gegen Tränengas und Wasserwerfer einen Grabenkampf anzuzetteln, der nur verloren werden kann. Die Clown Army rückt in einer solchen Situation auch nach vorne, direkt auf die Polizistenwand zu. Allerdings schenkt sie dort den Polizisten Blumen und verziert die Schutzschilde noch mit lachenden Gesichtern aus Wachsmalkreide.
Besonders beliebt zur »Gefahrenabwehr« ist der Kessel. Subversive und bedrohliche Elemente einer Demonstrantenmasse werden eingekreist und so isoliert. Die bislang handelsübliche Gegenmaxime war natürlich der Versuch auszubrechen oder eingekesselte Aktivisten herauszuziehen. Die Clown Army reagiert anders. Sobald Freunde in der Ringelreihe der Polizei eingefasst sind, interpretieren sie dies als einen exklusiven Kreis der Freude, in den sie unbedingt hineingelangen müssen. Dies tun sie dann auch unter lautem Gejauchze. Nicht nur lässt dieses Verhalten den einzelnen Beamten perplex zurück, es unterminiert auch diese Polizeitaktik, da, was als Darstellung des Gewaltmonopols gedacht ist, nun offensichtlich jeden Schrecken verloren hat.
Solche und ähnliche Aktionen tragen unmittelbar zur Deeskalation eines potentiellen Brandherdes bei. Sie helfen aber vor allem beiden Seiten, den nächsten wichtigen Schritt zu machen, nämlich zu hinterfragen, welche Aufgaben sie eigentlich leisten sollen. Was soll eine Demonstration bewirken? Inwiefern muss sich die Polizei entgegenstellen? Wen oder was will sie eigentlich schützen? Und vor wem? Viel zu einfach war es bislang, sich vor der Öffentlichkeit auf gewaltbereite Chaoten zu berufen. Und schnell war auch die Clown Army mit dem Label gefährlich behaftet.
Als beim G8 Gipfel 2007 in Heiligendamm die Clown Army auf die Polizei von Mecklenburg-Vorpommern und Bundesgrenzschutz trifft, werden acht Polizisten mit Verdacht auf Verätzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein subversiver Säureanschlag, wie man ihn sonst nur aus dem ukrainischen Präsidentschaftswahlkampf kennt? Mitnichten. Dass Seifenlauge in den Augen brennt, weiß jedes Kind. Deswegen darf Pustefix auch erst an Kinder ab vier Jahren verkauft werden. Aber es macht eben auch schöne Seifenblasen.
Nur, was wollen diese Clowns eigentlich? Das ist die Frage, die sowohl Medien als auch Staatsapparate vornehmlich bewegt. Denn so undurchsichtig und unvorhersehbar ihre Aktionen sind, so unklar ist auch das, was dahinter steckt. Sie sind ein heterogener Haufen, der sich nicht durch ideologische Herkunft per se definiert. Von vielen als Anarchisten bezeichnet, ist die Selbsteinschätzung eine andere. Sie sehen sich als Horizontalisten, engagiert für eine Gesellschaft ohne Führung.
Sie erleben eine absurde Gesellschaft, die im dauerhaften Kriegszustand ist. Ein Krieg von Geld gegen Leben, Profit gegen Würde und Fortschritt gegen Zukunft. Diesem alltäglichen Krieg muss eine Armee aus Clowns begegnen, denn »was bleibt einem anderes übrig, als ein Clown zu sein in dieser bescheuerten Welt … aber ein Clown alleine ist eine bemitleidenswerte Figur, aber in Batallionen sind sie außerordentlich gefährlich«. Sie wollen dort, wo "»Bomben versagen, mit verächtlichem Gelächter siegen«":http://www.clownarmy.org
Und mit welchem Erfolg? Einige Polizeisperren wurden in Schottland und Heiligendamm aufgelöst und umgangen durch die Clowns und deren unterhaltsame Schmeicheleien. Kleinigkeiten. Aber vor allen Dingen haben sie es geschafft, das öffentliche Bild des Globalisierungsgegners um eine Nuance zu erweitern, die es den Medien schwerer macht, den gewaltbereiten Chaoten zum bestimmenden Element ihrer Berichterstattung zu stilisieren. Die ästhetische und aktionistische Berechenbarkeit des schwarzen Blocks wird abgelöst durch die telegene Spontaneität der Clown Army, der unterhaltsamsten Gefahr für das kapitalistische Establishment.
Nächster Auftritt im Tourneekalender ist übrigens Tokio. Im Sommer 2008. Beim nächsten G8 Gipfel.
zurück