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erschienen in der HOW TO #3 – Clown

Frank, der Clown


von Mathias Keswani

Dweezel, Diva, Moon Unit – wer seinen Kindern solche Namen gibt, kann entweder nur vollkommen bescheuert oder ein Clown sein – keine Frage. Wenn man dazu noch die folgende Definition von Clown wörtlich nimmt, dann war Frank Zappa nicht nur ein Clown, sondern DER Clown: "»Clowns sind Artisten, deren Kunst es ist, Menschen zum Erstaunen, Nachdenken und auch zum Lachen zu bringen.«"

Und da Clowns von jeher im eigentlichen Sinne Provokateure waren, fällt es einem noch leichter, Zappa als Clown zu bezeichnen. Er liebte es, ein Provokateur zu sein und andere zum Narren zu halten, und schließlich besaß er noch die drei wichtigsten Eigenschaften, die einen guten Clown ausmachen: Mut, ein übergroßes Ego und Intelligenz.
Diese Attribute, kombiniert mit einem genialen musikalischen Geist, einem eigenen Humorverständnis und einer bis dato ungesehenen Virtuosität an der Gitarre, verschafften Zappa die Mitgliedschaft in den Untouchables, jener Kreis von Menschen, der sich fast alles herausnehmen kann, ohne Repressalien fürchten zu müssen. Clowns wie Charlie Chaplin oder Buster Keaton waren so etwas wie die Urmitglieder in diesem Club der intellektuellen Spaßmacher.

Clowns sind, sofern sie ihren Job gut machen, eine Elite für sich, ein Kreis von Menschen denen man alles durchgehen lässt. Dreht man das Rad der Zeit zurück, so wird schnell klar, dass man damals jene, die sich über Klerus und König lustig machten, nackt über den Dorfplatz gedroschen hätte. Doch wenn einer sich das Gesicht bunt anmalt, lässt man ihn gewähren – bis zu einem gewissen Punkt. Dass christliche Würdenträger ihre Nase zwar überzeugt in die Bibel, ihr Glied jedoch ab und an auch mal in den Anus von kleinen Jungs stecken, dürfte aber vermutlich damals schon ein Tabuthema gewesen sein.
Für Zappa war es das nicht. Er thematisierte alle Auswüchse menschlicher Perversionen und war als überzeugter Dadaist gegenüber jeder Subkultur oder Machtinstanz erhaben. Die Hippies, die ihm zu seiner eigentlichen Berühmtheit verhalfen, waren ihm ebenso ein Gräuel wie Politiker, Priester, Machos, Emanzen und Lobbyisten. Nicht nur, dass sie ihm zuwider waren, er konnte auch nicht umhin, jede dieser Randgruppen in seinen Texten zu parodieren. Diese satirischen Seitenhiebe untermalte er mit teils eingängigen, teils schwer verdaulichen Kompositionen, die jenes Genie offenbarten, für welches er in der Musikwelt vergöttert wurde.

Hier jedoch manifestiert sich auch das Dilemma, mit dem fast jeder Künstler früher oder später einmal zu kämpfen hat. Zappa wollte, dass seine Kunst im Mittelpunkt steht und nicht nur die lustige Fassade, mit der er seine Kernaussagen ummantelte. Es hatte sich zwar schnell herumgesprochen, dass er, der den Clown gab, eigentlich ein musikalisches Genie war. Doch das allein reichte nicht aus, um seine Musik der breiten Masse zugänglich zu machen. Obwohl die Massen zu seinen Konzerten strömten, kauften sie nicht zwingend seine Platten. Sie wollten den Freak und Provokateur sehen, das musikalische Genie war für die meisten nur Beiwerk. Das Kinski-Syndrom, dessen verbale Entgleisungen und Wutausbrüche auch mehr geliebt wurden als die eigentliche schauspielerische Leistung.

An Zappa liebten sie die provokante Art, die Satire, die in seinen Liedern immer mitschwang, und die Tatsache, nicht zu wissen, was sie erwarten würde. Dennoch wurde Frank Zappa, obwohl Enfant Terrible, zu einer geschätzten Persönlichkeit der amerikanischen Gesellschaft. So wurde zum Beispiel, als Tipper Gore den berühmten Parental Advisory-Sticker auf Schallplatten und CDs durchsetzte und Zappa sich öffentlich gegen jede Art der Zensur aussprach, er, der Urvater der Provokation, niemals zensiert. Entweder hielt man ihn nicht für wichtig genug, drückte einfach ein Auge zu oder man hatte es in der Tat als allererstes auf die aufkeimende Hip-Hop-Subkultur des schwarzen Amerikas abgesehen. Ein Zappa Song wie Bobby Brown wird hier zu Lande ständig im Radio gedudelt, obwohl der Text Analplugs, Natursekt, Sadomasochismus und Vergewaltigung nicht nur thematisiert, sondern direkt besingt. Was wie eine Ode an sexuelle Perversionen wirkt, ist im Grunde eine verbale Schelte an all jene amerikanischen Machos, die der Frauenbewegung keine lange Lebensdauer attestierten. Dennoch wusste Frank schon damals, dass es aus rein physikalischer Sicht nicht wirklich clever war, Büstenhalter zu verbrennen. Das Ergebnis dieses Befreiungsschlages findet sich heute, bei der passionierten Emma-Abonnentin, in der Höhe des Bauchnabels wieder.


Zappa-Fans würden ihr Idol wohl nie als Clown bezeichnen. Nicht nur deshalb sind Zappa-Fans nach Dylan-Fans die schlimmsten aller Musikfreunde. Bob Dylan-Jünger haben im Gegensatz zu Zappa-Fans zwar ihr Studium, niemals aber die Suche nach sich selbst beendet. Die Taxifahrer hingegen, die ihr Studium der Musikgeschichte nach dem 14. Semester abgebrochen haben, haben sicherlich zwei bis drei Mal Zappas Kompositionen in einem Referat oder einer Hausarbeit vergewaltigt. Der Zappa-Fan verdient sich gerne mit seinem Flohmarktstand ein Zubrot, wo er an unwissende Kretains Erstpressungen und Vinylraritäten verscherbeln muss, um den mageren Taxifahrerlohn auszugleichen. Einen Stand weiter spuckt ein Dylan-Jünger Gift und Galle, weil die Frucht seiner Lenden den Jim-Morrison-Gedichtband dazu verwendet hat, den wackelnden Flohmarkttisch auszugleichen.
Die Hippieära hatte sowohl Zappa als auch Dylan groß gemacht. Dylans Intention schien es gewesen zu sein, den Menschen mit seinem nasalen Gejaule solch einen Hörschaden zuzufügen, dass sie im Fall der Fälle den Schießbefehl gar nicht mehr hätten hören können.
Zappa hingegen wandte sich recht schnell wieder von den Hippies ab und wollte nichts weniger als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden. Hätte ihm nicht der Krebs einen Strich durch die Rechnung gemacht, wäre er jedoch vermutlich an einer mangelnden Wählerschaft gescheitert. Zappa war niemals ein Mann des Volkes. Weder künstlerisch noch politisch. Dafür machte es ihm zeitlebens zu viel Freude zu tun, was immer er wollte. Wenn sein Publikum es ihm dankte, ging er nicht anders von der Bühne als wenn sie ihn ausgebuhten. Und das passierte mehr als einmal. Entweder weil er sich über sein Publikum lustig machte oder ihnen genau das Gegenteil von dem gab, was sie forderten. Aber genau das ist es, was man sich von einem Clown erhofft, das Unerwartete. Ein vorhersehbarer Witz ist immer nur dann lustig, wenn er unvorhersehbar vorgetragen wird.
Wenn man es genau nimmt, dann erfüllte Frank wirklich jedes Klischee, das man von einem Clown im Kopf hat. Der im Grunde traurige Charakter, der sich nach der Vorstellung in seine Kammer einschließt und das Leid der Welt beweint. Zappa zog es vor, sich einzuschließen und Tage, Wochen und Monate zu komponieren. Um anschließend das Zimmer zu verlassen, der Welt sein Werk zu präsentieren, zu provozieren und sich dann wieder einzuschließen.

Er stänkerte gegen jeden, der nicht seine Weltanschauung teilte. Mit Menschen konnte er nicht einmal über einen gewissen Zeitraum hinweg zusammenarbeiten. Immer wieder tauschte er seine gesamte Band aus. Was er nicht austauschen konnte, war seine Familie. Das Erbe, das er hinterließ, ist vom künstlerischen Standpunkt aus gesehen eher erbärmlich. Keines seiner Kinder erbte sein Genie und auch seine unverkennbaren Charakterzüge übertrugen sich nicht auf sie. Diesen minderwertigen genetischen Nachlass glich er mit großartigen Platten, Kompositionen und Filmen wieder aus. So lange, bis es dem Kontrollfreak nicht mehr möglich war, auch das zu kontrollieren, was ihn von innen zerfraß.
Kurz vor seinem Tod rief ein Reporter bei ihm an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er sagte darauf nur knapp: »Sie wagen es, mich zu stören, während ich gerade meinen Krebs genieße?!«

Ein guter Clown ist nur der, der Ironie auch gegen sich selbst zu richten vermag. Frank Zappa war ein genialer Clown.

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