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erschienen in der HOW TO #3 – Clown

Deutschland hat den Superclown


von Lars Reyer

Ich spreche nicht gern von meiner Schulzeit, zu bitter sind die meisten Erinnerungen daran. Und dabei spielt es keine Rolle, unter welchem politischen System und in welcher geografischen Lage ich die Bank drücken musste (ich hatte das große Glück, sowohl unter Honecker als auch unter Kohl, sowohl im erzgebirgisch-vogtländischen Niemandsland als auch in der westmünsterländischen Einöde meine Zeit abreißen zu dürfen) – beides war gleich schlimm. Nur in den Nuancen unterschieden sich die jeweiligen Unterdrückungsmaschinerien, in ihren spezifischen Ansätzen, den, der durch sie hindurchgehen musste, kleinzukriegen. Hier wie dort wurde mit Druck gearbeitet. Auf der einen Seite gab es die offene Repression, die bei einer Verweigerung dazu führen konnte, dass man sich das ganze restliche Leben versaute. Auf der anderen Seite wurden sublimere Mittel ins Feld geführt, die Vorgaukelung einer emotionalen Bindung mit dem Lehrkörper etwa, die schon mal in dem tränenerstickten Satz einer jungen Lehrerin gipfeln konnte: »Jetzt bin ich aber enttäuscht.«

Ein Glück, dass aus dieser Versuchsanordnung, aus diesem psychischen Extremexperiment, zu allen Zeiten und egal wo, eine Spezies emporgeschwappt ist, die das tägliche Grauen ein wenig erträglicher machen konnte; mehr noch, die aus dem Inneren des Systems heraus die Übereinkünfte unterlief und ihre eigenen Regeln ins Spiel brachte: der Klassenclown.

Ende der Sechziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts erlebte der Klassenclown seine erste – vielleicht nie wieder erreichte – mediale Glanzzeit. Die Lümmel von der ersten Bank traten auf die Mattscheiben der Bundesrepublik und vollführten ihre Streiche. Streiche waren das, die selbstverständlich immer im Rahmen des Erlaubten blieben – ein Zugeständnis an das Medium Fernsehen, in dessen Sinn es kaum liegen konnte, gesellschaftliche Randale auszulösen. Dennoch darf man nicht vergessen, dass zur selben Zeit auf den realen Straßen Frankfurts und Berlins andere Lümmel sich kampfbereit machten gegen ein Bildungs-, Erziehungs- und Gesellschaftssystem, das sie – im mildesten Falle – als überkommen und leichenblass ansahen. Neben provozierenden Slogans galt hier auch der Pflasterstein als Argumentationshilfe.

Doch allzu viel Realität schadet der Einschaltquote (eine Regel, die trotz aller heutigen Reality-Shows immer noch Bestand hat, denn was man da zu sehen bekommt, ist bestenfalls die Simulation von Realität). Und so flogen zwischen Oberstudienrat Dr. Gottlieb Taft und seinem Gegenspieler auf Schülerseite, Pepe Nietnagel, nur die Kalauer hin und her, ab und zu mal ein Schlüsselbund oder ein Kreidekasten. Was von den Filmen bleibt, die so selige Titel trugen wie Zum Teufel mit der Penne oder Pepe, der Paukerschreck, ist der Eindruck einer unerschrockenen Opposition gegen autoritäre Strukturen, gemischt mit dem Klamauk, der allzu ernsthaften Absichten in Richtung einer dauerhaften Verschiebung der Machtverhältnisse von vornherein einen Riegel vorschiebt. Die Mittel, mit denen opponiert wird, sind dennoch die subversivsten, die es gibt. Kein offener Hass wird hier ausgelebt, keine handfeste Gewalt ausgeübt; der Akt der Ablehnung zeigt sich am unverfälschtesten im feixenden Gesicht eines Pubertierenden.

Schabernack. Ein schönes Wort. Es beschreibt die Streiche, die der Klassenclown treibt, womöglich am adäquatesten, da es sich etymologisch vom Hut der Schäfer – eben vom Schabernack – herleiten lässt. Ein Kleidungsstück, das Kopf und Nacken seines Trägers vor den Witterungsverhältnissen schützt. Andererseits kann es ihn auch ganz wörtlich im Nacken schaben – eine unangenehme Eigenschaft, die den Betroffenen unter Umständen zur Weißglut treibt. Und zur Weißglut treibt auch der Klassenclown seine Opfer. Ein unablässiges Schaben an wunden Punkten ist seine Königsdisziplin. Seine größte Freude ist es, den Status Quo, im momentlangen Aufblitzen eines gelungenen Streiches, außer Kraft zu setzen.

Die Rückkehr zu den determinierten Kräfteverhältnissen ist jedoch unvermeidlich. Der Klassenclown weiß das. Und in diesem Wissen liegt die Tragik seiner Figur. Gleichzeitig zieht er aus ihm einen seltsamen Stolz, der seinem vorherbestimmten Scheitern eine gewisse Größe verleiht. Das Kollektiv, aus dem heraus der Klassenclown agiert, anerkennt seine Bemühungen und sieht in ihm seinen Vertreter gegenüber der Obrigkeit. Für einen schwerelosen Augenblick kann man sich, in den Faxen des Klassenclowns, der Illusion hingeben, man wäre nicht dem langen Arm der Autorität ausgesetzt.

Schlimm hingegen wird es, wenn der Klassenclown den Absprung verpasst. Je älter er wird, desto merkwürdiger erscheint sein Gebaren. Das hat nicht bloß mit Konventionen zu tun, deren Verletzung man einem Kind oder Halbwüchsigen eher nachsieht als einem Erwachsenen. Vielmehr scheint der Klassenclown, wenn er eine bestimmte individuelle Altersschwelle überschritten hat, den Blick für die Wirkung seiner Aktionen zu verlieren. Er übertreibt seine Scherze, um es ganz banal zu sagen. Er spannt den Bogen so lange, bis die Sehne reißt und der Schuss nach hinten losgeht. Der Scherz (der nun keiner mehr ist, sondern eher eine böswillige Attacke) wird auf seinen Initiator zurückgeschleudert. Wobei der Klassenclown in den seltensten Fällen merkt, dass er sich im Grunde selbst angreift: an dieser Stelle, beim Überschreiten dieser letzten Grenze, transformiert er von einer tragischen zu einer nur noch abstoßenden, bisweilen sogar hassenswerten, Figur.

Die perfekte Bühne für solche gefallenen Klassenclowns bietet einmal mehr das Fernsehen. Hier haben sich – besonders radikal während des zurückliegenden Jahrzehnts – Sendeformate herausgebildet, die mit nichts anderem hausieren gehen als mit dem zweifelhaften Charme des Klassenclowns, der seine Lage und seine Wirkung nicht mehr einzuschätzen weiß. Das Paradebeispiel dieser Form der Unterhaltung heißt Deutschland sucht den Superstar kurz: DSDS. Worum geht es hier? In einer Kulisse, die frappierend an eine heruntergekommene Zirkusmanege erinnert, befleißigen sich Jugendliche und Halberwachsene des mehr oder weniger unfallfreien Gebrauchs ihrer mehr oder weniger herkömmlichen Stimme. Das heißt, sie singen vor. Eine Jury sitzt rum, die sogleich die Darbietungen bewertet.

Das Fernsehen selektiert, was bedeutet, dass man als Zuschauer natürlich nicht den kompletten Casting-Marathon mit mehreren Tausend Teilnehmern pro Austragungsort (keine Region Deutschlands wird ausgelassen – und aus den Dörfern rennen die Hoffnungsvollen in die Ballungszentren) zu sehen bekommt. Die Rosinen werden vorher herausgepickt. Und wie diese Rosinen beschaffen sind, kann man sich, wenn man die Funktionsweise des Mediums verstanden hat, leicht ausrechnen. Wie langweilig wäre es letztendlich, bekäme man nur begabte Sänger und Sängerinnen in einem flotten Showformat präsentiert. Niemand würde zuschauen. Und deshalb wird auf zwei Primärtugenden des Zuschauers gesetzt: auf den Voyeurismus und die Häme. Denn die, welche dort auf der Mattscheibe ihr vermeintliches Talent zu Schau stellen, sind von Anfang an dem Untergang geweiht. Sie versagen. Und ihr Versagen – das von den Machern im Vorfeld scharf kalkuliert wird – ist ihr Zugangsschein auf die Bühne. Nun könnte man meinen, dass unter diesen Voraussetzungen ein ideales Biotop für den Klassenclown geschaffen ist, der seinen Wirkkreis aus der relativ engen Nische eines kleinen Kollektivs medial bis ins Unendliche potenzieren kann. Doch es liegt in der Natur des Klassenclowns, dass er nur einzeln auftritt. Das, was ihn ausmacht, ist die strikte Abgrenzung zum Rest des Kollektivs. So sind also nicht die Kandidaten diejenigen, denen diese Rolle zufällt, sie sind bloß die Staffage für die Darbietungen eines einzelnen, großen, im Format auf Gottgleichheit getrimmten Klassenclowns – eine gänzlich neue Kategorie.

Derjenige, der diese Rolle ausfüllt, heißt Dieter Bohlen und fungiert sozusagen als Juryvorsitzender. Sein Wort hat jenes Gewicht, das alle anderen Urteile vernichten kann. Er ist die fleischgewordene Geschmacksinstanz, die teilweise jeden Geschmack außer Kraft setzt. Aber der Reihe nach. Wer dieser Dieter Bohlen ist, weiß heutzutage nicht nur jedes Kind, sondern auch alle anderen, die einen Fernsehapparat in der Wohnung stehen haben oder ab und zu einen Blick in die Zeitung werfen. Dennoch ist es interessant, seine Entwicklung Revue passieren zu lassen, trägt sie doch durchaus die archetypischen Züge desjenigen, der vom – womöglich unfreiwilligen – Klassenclown zum gefallenen Klassenclown retardiert.
Dieter Bohlen ist vom Fach. Das heißt, er ist Musiker, kann als solcher aber überhaupt nicht singen und beherrscht seine Instrumente bestenfalls mittelmäßig. Dies allein wäre noch nichts Außergewöhnliches. Schließlich sind die unbegabten Sangeskünstler, mit denen die Plattenindustrie einen Haufen Geld verdient, eine schnell anwachsende, sich immer wieder erneuernde Herde. Dieter Bohlen ist aber auch und vor allem Produzent. In dieser Funktion überblickt er die aktuelle Marktlage und sortiert all das gnadenlos und folgerichtig aus, was keine Rendite abzuwerfen verspricht. Das ist sein Beruf, und er übt ihn sehr erfolgreich aus. Geschmack und Stil zählen in dieser Hinsicht so gut wie nichts.

Geradezu erstaunlich ist es zu sehen, wie Dieter Bohlen in dem Geschäft, über das er heute alles weiß und dessen Mechanismen er kontrolliert, begonnen hat. Er ging mit der größtdenkbaren Hartnäckigkeit und gleichsam wie die Unschuld vom Lande an sein Ziel heran. Man darf all die Modern Talking Klassiker nicht so sehr als gezielte Würfe auf den primitivsten Massengeschmack verstehen, wahrscheinlicher ist, dass Bohlen zu dieser Zeit einfach das gegeben hat, was er in der Lage war zu geben. Der Erfolg gab ihm Recht, und fortan sah sich der diplomierte Kaufmann aus Ostfriesland (das muss ja auch mal gesagt werden) nicht mehr genötigt, seine Fahrtrichtung zu ändern. Es ging immer nur geradeaus.

Als geradeheraus wird auch der Charakter Bohlens beschrieben. Selbst in einschlägigen Bastionen der Hochkultur, wie dem Spiegel etwa, liest man eine Entzückung über seine unverbiegbare Persönlichkeit. Solche Begeisterung kann durchaus befremden, nicht weil sie von unvermuteter Seite herrührt, sondern weil sich in ihr eine Kurzsichtigkeit offenbart, deren tiefster Grund stets die Oberfläche bleibt. Denn Bohlens Geradlinigkeit ist nichts anderes als eine über Jahre kultivierte, späterhin vollkommen autonom weiterlaufende Masche, die auf die Illusion der Stammtischatmosphäre im Haifischbecken der Pop- und Fernsehindustrie setzt. Bohlen hat diese Masche nicht mehr unter Kontrolle, er muss sie auch nicht unter Kontrolle haben, da sie ohnehin bar jeden Sinnes und unter Verzicht auf jede Zielgerichtetheit funktioniert. Lautstärke und wilde Rundumschläge genügen, um sich der eigenen Position zu versichern.

Die Parallelen liegen deutlich auf der Hand. Bohlen ist der gefallene Klassenclown par excellence. Das kleine, noch intakte Kollektiv, in das sich jeder Klassenclown bei Bedarf wieder zurückziehen kann und das ihm überhaupt erst Kraft verleiht und Schutz gibt, existiert in seiner Position nicht. Es ist ersetzt durch eine allgegenwärtige Öffentlichkeit, die es ohne Unterlass zu bedienen gilt. Die Leichtigkeit des Witzes kann bei Bohlen nur eine gespielte Leichtigkeit sein, denn der Druck, der auf ihm lastet, ist einfach zu groß, um ihn ignorieren zu können. Dass Bohlen seine Rolle nicht als die eines Spaßmachers begreift, liegt ebenso auf der Hand. Dennoch bedient er sich der unablässigen Zote – weil er nicht mehr anders kann. Er hat sich als Figur institutionalisiert, und als solche muss er den Gesetzen gehorchen, die er selbst mit verabschiedet hat. Und weil ein konstant auf gleichem Level schwebender Schabernack irgendwann nicht mehr zieht, sind immer gröbere Unverschämtheiten gefordert. Der Klassenclown wird so zum gefallenen Klassenclown, Bohlen zum nickenden, stoisch sein Repertoire steigernden Diener der Rolle. Ein letzter Aspekt komplettiert schließlich das Bild der abstoßenden Variante des Klassenclowns. Denn man darf nicht vergessen, aus welcher Richtung der Witz herrührt und wo er einschlägt. Er kommt von oben und richtet sich stets nach unten. Das Machtgefälle ist hier von Beginn an umgekehrt. Nicht der Unterdrückte schlägt mit Worten und Kaspereien zurück und sichert sich so ein Mindestmaß an Selbstbewusstsein. Es ist nicht Pepe Nietnagel, der seinem Herzen Luft macht, sondern Oberstudienrat Dr. Gottlieb Taft hat das Heft in die Hand genommen und ist sich selbst der Erlöser und seinen Opfern der grausame Gott.

Es ist ein altes Lied, dass alles, was die Masse feiert und verehrt, schlecht ist und dem Untergang geweiht. So ließen sich auch DSDS und all seine Klone mit einer wegwerfenden Handbewegung ins Reich der medial aufgeblasenen Belanglosigkeiten verbannen. Das Phänomen des öffentlichen Exhibitionismus hat aber längst aus dem Feld der Medien übergegriffen in die alltägliche Selbstwahrnehmung des Publikums. Wenn jeder glaubt, mit seinen beschränkten Fähigkeiten zu Weltruhm gelangen zu können, sind die hierarchischen Regeln von Können und Dilettantismus außer Kraft gesetzt. Schlechte Zeiten sind dies für den Klassenclown (den echten), denn es bietet sich ihm keine Kollektiv mehr, dass ihn schützend wieder in die eigenen Reihen aufnehmen könnte, wenn seine Arbeit für den Moment getan ist. Wenn jeder der Klassenclown sein will, gibt es niemanden mehr, der seiner Streiche bedürfte. Und schlimmer noch: an die Stelle des Klassenclowns setzt sich, per eigener Verfügung, der gefallene Klassenclown. Er ist die Institution, an der kein Weg vorbeigeht. Die Hilflosigkeit aller anderen, die gepaart ist mit ihrem unbedingten Willen, immer und überall zu glänzen, wo sie doch höchstens angeglänzt werden, spielt ihm in die Karten. Der institutionalisierte Schabernack aber ist nicht witzig. Er ist bloß Gewalt und Machtausübung.

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