EINBAHNSTRASSE
von Simone SonnentagDie Risiken und Folgen sind ungewiss.
Beim Frühstück streift mein Blick die Zeitung. Ich überfliege einen Artikel über das geplante Gentechnik-Gesetz. Wir als fortschrittliche Industrienation können uns im Angesicht der weltweiten Bevölkerungsexplosion und des bevorstehenden Klimawandels mit extremen Bedingungen für unsere Äcker dieser fortschrittlichen Technologie nicht verschließen. Genmanipulation kann die Eigenschaften der Pflanzen verbessern und sie gegen Trockenheit und Überschwemmungen, Bakterien oder ähnlichem resistent machen. Pestizide können spezifischer eingesetzt werden, da nur die genmanipulierte Nutzpflanze das Spritzmittel überleben kann, das Unkraut hingegen vernichtet wird. Zudem soll es auch in Zukunft bei der Standortoffenlegung von Genfeldern bleiben. Der Mindestabstand von 150 Metern zum herkömmlichen Anbau und 300 Metern zum Ökolandbau sind geplant. Und last but not least: Gentechnisch veränderte Lebensmittel sind kennzeichnungspflichtig. Jeder kann also selbst entscheiden, ob er manipulierte Lebensmittel essen möchte oder nicht. Beruhigt drehe ich das Radio an, dabei fällt mein Blick auf die Milchtüte. Gentechnisch unverändert steht da. Ich stutze. Bedeutet das nun: Jede andere Milch ohne diese Aufschrift ist genmanipuliert, selbst wenn eine spezielle Gen-Kennzeichnung fehlt?
Ich recherchiere im Internet. In Deutschland müssen alle Lebensmittel und Zutaten, die vollständig oder anteilig aus gentechnisch verändertem Mais oder Soja hergestellt werden, speziell etikettiert sein. Aber weder Milch, Fleisch, Wurst und Eier sind kennzeichnungspflichtig, wenn die Tiere genmanipuliertes Futter zu sich genommen haben. Heutzutage sind viele Zusatzstoffe, Enzyme und Aromen gentechnisch verändert, doch eine Kennzeichnung fehlt meistens. Selbst bei Bioprodukten sind kleine Gentechnikspuren erlaubt und leider nicht zu verhindern.
Jetzt will ich es aber genauer wissen: Was ist Gentechnik eigentlich und welche Folgen hat der Einsatz von Gentechnik? Bei der Gentechnik werden Gene in das Erbgut einer Pflanze gebracht mit dem Ziel, deren Eigenschaften positiv zu verändern. Im Gegensatz zur normalen Züchtung werden hier Artengrenzen ignoriert. So kann man Quallengene in Mäuse transferieren, was auf natürlichem Wege nicht passieren würde. Leider lässt sich die Natur nicht ganz so einfach austricksen. In den USA haben sich die Resistenzen der genmanipulierten Pflanzen auf artverwandte Wildkräuter übertragen. Um diese resistenten Kräuter auf den Feldern nun zu bekämpfen, müssen Pestizide in noch größeren Mengen eingesetzt werden als bisher.
Kein Wissenschaftler kann mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, welche Folgen die Genmanipulation für unsere Gesundheit und Umwelt hat. Es liegen keine Langzeitstudien darüber vor, welche Folgen der Einsatz von genmanipulierten Futtermitteln auf unsere Gesundheit hat. Die genmanipulierte Kartoffelsorte Amflora wird schon in Deutschland angebaut, obwohl nicht klar ist, ob sich ihre Antibiotika-Resistenz möglicherweise auch auf den Menschen überträgt. Insgesamt werden in Deutschland heute schon manipulierte Pflanzen auf rund 27 Quadratkilometern angebaut. Dies entspricht bundesweit einem Anteil von 0,15 %. Das scheint zunächst wenig. Doch genmanipulierte Erbmasse wird durch Pollenflug oder Insekten auch auf herkömmliche Pflanzen übertragen – beim Raps und Mais durch Bienen sogar bis zu 6 Kilometer weit. Übrigens gilt das auch für die Kartoffel. Diese vermehren sich ungeschlechtlich über die Knollen, aber auch geschlechtlich – wenngleich ihre Pollen nicht so weit fliegen wie bei Mais oder Raps. Sobald sich die künstlichen Gene in der Saat oder in Wildpflanzen einmal festgesetzt haben, ist dies nicht mehr zu revidieren. Der geplante Mindestabstand ist eine Farce. Die Biobauern in Kanada können heute schon keinen herkömmlichen und schon gar keinen Bio-Raps mehr anbauen. Gehören meine nicht genmanipulierte Milch und andere Bioprodukte also auch bald der Vergangenheit an?Die Mehrheit der Deutschen ist tendenziell gegen den Einsatz von Gentechnik. Es bleibt die Frage nach der Ursache: Sind wir generell kritisch gegenüber Neuerungen oder tatsächlich über die unwiderruflichen und unbekannten Folgen der Gentechnik informiert?
Wer wirklich etwas tun möchte, findet wertvolle Informationen im Internet unter einkaufsnetz.org. Neben praktischen Tipps findet sich hier der Ratgeber »Essen ohne Gentechnik«, mit einer Liste von Firmen, die zusichern, auch auf Genpflanzen in ihrem Tierfutter zu verzichten.
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