erschienen in der HOW TO #2 – food
Für die unvorstellbare Anzahl von über 800 Millionen hungernden Menschen weltweit gibt es viele Gründe – gibt es auch endlich einen Grund dagegen?
21, 22, 23, tot. Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Unterernährung. Immer noch – obwohl unser Planet laut UNO problemlos bis zu 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Wenn der Wille vorhanden wäre. Denn die Schuld am Welthunger trägt weder das ständige Bevölkerungswachstum, die Inkompetenz afrikanischer Kleinbauern noch der Klimawandel, sondern in erster Linie die unerträgliche Arroganz und der blinde Egoismus der westlichen Welt. Wie sonst sind Perversionen wie die milliardenschweren Agrarsubventionen der reichen Länder an die eigenen Bauern zu erklären? Immerhin geben alle Länder der OECD zusammen die gleiche Summe, die sie jährlich an Afrika leisten, täglich für ihre eigenen Landwirte aus. In Form direkter Finanzhilfe, bezuschussten Treibstoffs, billiger Darlehen. Das Ergebnis: Riesige Nahrungsmittelüberschüsse, die später großzügig an die Entwicklungsländer verschenkt werden. Almosen, die sich für die dortigen Bauern fatal auswirken. Denn gegen die landwirtschaftlichen Güter aus dem Westen haben sie keine Chance. In manchen afrikanischen Ländern überschwemmen tonnenweise italienisches Tomatenmark, niederländische Zwiebeln oder europäische Hühnchenteile die lokalen Märkte und lassen das Angebot geradezu explodieren – und damit die Preise ins Bodenlose sinken. Dieser Preissturz nimmt den bedürftigen Bauern jede Möglichkeit, ihre eigenen Erzeugnisse gewinnbringend zu verkaufen sowie neues Saatgut oder einfachstes Gerät zu erwerben. Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass Geschenke dieser Art den Hungernden in Afrika zwar helfen, kurzfristig zu überleben, nicht aber, ihnen die Aussicht zu geben, sich mittelfristig selbständig zu versorgen.
Bis zum Eintritt des neuen Welthandelsabkommens im Jahr 2013 bleibt daher nur die bittere Hoffnung, dass sich doch bitteschön auch noch andere um den globalen Hunger kümmern mögen als ausschließlich unsere Regierungen. Doch wer? Denn auch andere westliche Akteure im Hilfssektor fühlen sich nicht unbedingt dem Altruismus verpflichtet. Als ein Mitglied des US-Außenministeriums den klugen Vorschlag machte, ein Viertel der amerikanischen Lebensmittelhilfen ab sofort in bar auszuzahlen, um Erzeugnisse von lokalen Bauern und nicht von amerikanischen zu kaufen, war das Gezeter bei den renommierten Hilfsorganisationen groß. Fürchteten sie doch, nicht mehr so viele Weizensäcke von Kansas nach Kenia transportieren und vor Ort verteilen zu dürfen, als dass diese Aufgabe ihre hohen Budgets für Verwaltung und Personal noch rechtfertigen würde.
Vielleicht sollte man die Bekämpfung des globalen Hungers einfach kompetenteren Leuten überlassen. Zum Beispiel uns selbst. Schließlich gibt es für jeden Einzelnen inzwischen die Möglichkeit, die Armutsbekämpfung im Internet quasi eigenhändig in Angriff zu nehmen. Zu nennen wäre dabei kiva.org, eine Börse für Mikrokredite, über die seit dem Start der Seite im Herbst 2005 bereits über 10 Millionen Dollar an bedürftige Entrepreneurs verliehen wurden. Allerdings naturgemäß ausschließlich in jene Länder, in denen die Gesetze der Marktwirtschaft gelten. Logisch: Wer heute unter Hunger leidet, hat es sehr schwer, schon morgen Gewinne zu erwirtschaften, die er übermorgen verzinst an den Kiva-Lender zurückzahlen kann. Als mögliche Alternative kündigt sich für Ende Oktober mit betterplace.org nun eine Plattform an, die sich, wie es in der Selbstbeschreibung heißt, als »Brücke zwischen Bedarf und unzähligen neuen Möglichkeiten« sieht. Sie verhilft zu einem direkten, transparenten, vor allem langfristigen Kontakt zwischen Geber und Empfänger. Mit anderen Worten: Dort sucht sich jeder genau das Hilfsprojekt aus, das ihm persönlich am meisten Erfolg verspricht. Dieses kann er mit Geld, Sachleistungen, Know-How oder als Volunteer vor Ort unterstützen. Im Gegenzug wird seitens des Empfängers ein kontinuierliches, multimediales Feedback versprochen. Der clevere Hintergedanke dabei: Es sind nicht die Industrienationen, die ihre überschüssige Nahrung verschenken, nicht die etablierten Hilfsorganisationen mit ihren hohen Verwaltungskosten, sondern es sind allein die Bedürftigen vor Ort, die am besten wissen, was sie brauchen: Meistens etwas zu essen, etwas zu trinken – und verdammt noch mal endlich bessere Zukunftschancen
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Das grosse Darben
von Max KornertFür die unvorstellbare Anzahl von über 800 Millionen hungernden Menschen weltweit gibt es viele Gründe – gibt es auch endlich einen Grund dagegen?
21, 22, 23, tot. Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch an Unterernährung. Immer noch – obwohl unser Planet laut UNO problemlos bis zu 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Wenn der Wille vorhanden wäre. Denn die Schuld am Welthunger trägt weder das ständige Bevölkerungswachstum, die Inkompetenz afrikanischer Kleinbauern noch der Klimawandel, sondern in erster Linie die unerträgliche Arroganz und der blinde Egoismus der westlichen Welt. Wie sonst sind Perversionen wie die milliardenschweren Agrarsubventionen der reichen Länder an die eigenen Bauern zu erklären? Immerhin geben alle Länder der OECD zusammen die gleiche Summe, die sie jährlich an Afrika leisten, täglich für ihre eigenen Landwirte aus. In Form direkter Finanzhilfe, bezuschussten Treibstoffs, billiger Darlehen. Das Ergebnis: Riesige Nahrungsmittelüberschüsse, die später großzügig an die Entwicklungsländer verschenkt werden. Almosen, die sich für die dortigen Bauern fatal auswirken. Denn gegen die landwirtschaftlichen Güter aus dem Westen haben sie keine Chance. In manchen afrikanischen Ländern überschwemmen tonnenweise italienisches Tomatenmark, niederländische Zwiebeln oder europäische Hühnchenteile die lokalen Märkte und lassen das Angebot geradezu explodieren – und damit die Preise ins Bodenlose sinken. Dieser Preissturz nimmt den bedürftigen Bauern jede Möglichkeit, ihre eigenen Erzeugnisse gewinnbringend zu verkaufen sowie neues Saatgut oder einfachstes Gerät zu erwerben. Man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass Geschenke dieser Art den Hungernden in Afrika zwar helfen, kurzfristig zu überleben, nicht aber, ihnen die Aussicht zu geben, sich mittelfristig selbständig zu versorgen.
Bis zum Eintritt des neuen Welthandelsabkommens im Jahr 2013 bleibt daher nur die bittere Hoffnung, dass sich doch bitteschön auch noch andere um den globalen Hunger kümmern mögen als ausschließlich unsere Regierungen. Doch wer? Denn auch andere westliche Akteure im Hilfssektor fühlen sich nicht unbedingt dem Altruismus verpflichtet. Als ein Mitglied des US-Außenministeriums den klugen Vorschlag machte, ein Viertel der amerikanischen Lebensmittelhilfen ab sofort in bar auszuzahlen, um Erzeugnisse von lokalen Bauern und nicht von amerikanischen zu kaufen, war das Gezeter bei den renommierten Hilfsorganisationen groß. Fürchteten sie doch, nicht mehr so viele Weizensäcke von Kansas nach Kenia transportieren und vor Ort verteilen zu dürfen, als dass diese Aufgabe ihre hohen Budgets für Verwaltung und Personal noch rechtfertigen würde.
Vielleicht sollte man die Bekämpfung des globalen Hungers einfach kompetenteren Leuten überlassen. Zum Beispiel uns selbst. Schließlich gibt es für jeden Einzelnen inzwischen die Möglichkeit, die Armutsbekämpfung im Internet quasi eigenhändig in Angriff zu nehmen. Zu nennen wäre dabei kiva.org, eine Börse für Mikrokredite, über die seit dem Start der Seite im Herbst 2005 bereits über 10 Millionen Dollar an bedürftige Entrepreneurs verliehen wurden. Allerdings naturgemäß ausschließlich in jene Länder, in denen die Gesetze der Marktwirtschaft gelten. Logisch: Wer heute unter Hunger leidet, hat es sehr schwer, schon morgen Gewinne zu erwirtschaften, die er übermorgen verzinst an den Kiva-Lender zurückzahlen kann. Als mögliche Alternative kündigt sich für Ende Oktober mit betterplace.org nun eine Plattform an, die sich, wie es in der Selbstbeschreibung heißt, als »Brücke zwischen Bedarf und unzähligen neuen Möglichkeiten« sieht. Sie verhilft zu einem direkten, transparenten, vor allem langfristigen Kontakt zwischen Geber und Empfänger. Mit anderen Worten: Dort sucht sich jeder genau das Hilfsprojekt aus, das ihm persönlich am meisten Erfolg verspricht. Dieses kann er mit Geld, Sachleistungen, Know-How oder als Volunteer vor Ort unterstützen. Im Gegenzug wird seitens des Empfängers ein kontinuierliches, multimediales Feedback versprochen. Der clevere Hintergedanke dabei: Es sind nicht die Industrienationen, die ihre überschüssige Nahrung verschenken, nicht die etablierten Hilfsorganisationen mit ihren hohen Verwaltungskosten, sondern es sind allein die Bedürftigen vor Ort, die am besten wissen, was sie brauchen: Meistens etwas zu essen, etwas zu trinken – und verdammt noch mal endlich bessere Zukunftschancen
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