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erschienen in der HOW TO #2 – food

ANA

von Hannes Gräf


Verehrte Leser(innen),
in dieser Ausgabe von HOW TO geht es ums Essen. Deshalb möchte ich Ihnen über Menschen erzählen, deren einziger Lebensinhalt das Essen ist. Sie sind oft sehr sensibel und verfügen meist über ausgeprägte kreative und künstlerische Fähigkeiten. Sie sehen ihre Stärke in der Verweigerung. Kontrolle hat für sie oberste Priorität, auf die sind sie stolz. Der Grund dafür ist oft ein Kontrollverlust.


Was sich im ersten Moment paradox anhört, ist es nicht. Es handelt sich um Menschen, die unter einer Essstörung leiden. Die wissenschaftlichen Bezeichnungen dieser psychosomatischen Erkrankungen lauten Anorexia Nervosa (Magersucht / Anorexie) und Bulimia Nervosa (Ess-Brechsucht / Bulimie). Das Krankheitsbild der Magersucht stellt sich in dem zwanghaften Abnehmen durch die Verweigerung von Nahrungsaufnahme dar. Die Bulimie hingegen äußert sich durch normale und / oder übertriebene Nahrungsaufnahme (sog. Fressanfälle) verbunden mit anschließend absichtlich herbeigeführtem Erbrechen, bevor die Nahrung verdaut ist. Das Ziel hierbei ist ebenfalls das Abnehmen oder zumindest das Halten des Gewichts. Es gibt aber auch Unterformen, wie die atypische Bulimie. Dabei wird nach dem Essen nicht erbrochen, sondern eine starke Dosis Abführmittel verwendet, um die aufgenommene Nahrung wieder loszuwerden.
Die Gründe, die zu einer Essstörung führen, sind sehr vielfältig. Da es sich um eine psychosomatische Erkrankung handelt, überrascht es nicht, dass Essstörungen oftmals in Kombination mit Depressionen auftreten. Selbsthass ist ein wichtiger Grund, der durch die Ablehnung durch Andere, Demütigung oder Missbrauch ausgelöst werden kann. Stress ist ein weiterer Grund, der oft durch Leistungsdruck ausgelöst wird. Die Angst vor dem Erwachsenwerden und der damit implizierten Verantwortung ist einer der häufigsten Gründe für die Entwicklung einer Essstörung. Man spricht in diesem Fall von einem Peter-Pan-Syndrom.
Betrachtet man diese Gründe, dann leuchtet es ein, dass Essstörungen am häufigsten während der Pubertät auftreten. Diese Zeit des Heranwachsens, in der der Vergleich mit anderen zur eigenen Standortbestimmung so wichtig ist und die Schule einen permanenten Spiegel der eigenen Leistungen darstellt. Das bestätigen auch die für das Jahr 2006 durch das Deutsche Kinderhilfswerk veröffentlichen Zahlen zur Situation in Deutschland:
Im Zeitraum 2003 – 2006 wiesen 21,9% der 11 – 17jährigen eine Auffälligkeit bezüglich ihres Essverhaltens auf. Die weiblichen Jugendlichen waren mit 28,9% in höherem Maße betroffen als die männlichen mit 15,2%.
Die Häufigkeit des Auftretens in einer Bevölkerungsgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt betrug bei den männlichen und weiblichen 11jährigen ca. 20 % und nahm dann bei den Mädchen im Alter von 17 Jahren stark zu (30,1%), während sie bei den Jungen gleichen Alters rückläufig war (12,8%).

Zum Thema Anorexie heißt es:
In der Risikogruppe der 14 – 24jährigen litten ca. 18% der weiblichen Jugendlichen unter Anorexie. Bei jedem zehnten betroffenen Mädchen führt die Anorexie zum Tod und ist somit in diesem Alter die häufigste Todesursache in Deutschland. Unter den männlichen Jugendlichen waren 5 % der Jugendlichen betroffen. Die Erkrankung erreicht um das 14. Lebensjahr ihren Gipfel und findet eine erneute Häufung im 18. Lebensjahr.
Allerdings existieren bei diesen Zahlen hohe Dunkelziffern, denn viele sind sich ihrer Krankheit (noch) nicht bewusst oder wollen sie einfach nicht wahrhaben. Eine der Bloggerinnen, die ich während der Recherche zu diesem Artikel kennenlernte, Nicola, erlaubte mir die Entstehung ihrer Essstörung hier zu zitieren:

Ich wollte auch so schön, bei den Jungs beliebt und gut in der Schule sein (wie ihre Freundin, Anmerk. d. Verf.). Diese Dinge waren damals das Wichtigste für mich. Daher begann ich mich zu fragen, was sie hat was ich nicht habe, und das war für mich ganz klar das Gewicht. Ich wog damals 63 Kilo auf 1,68 m. Zuerst begann ich keine Süßigkeiten mehr zu essen, was eine Zeitlang auch ausreichte, dann aber strich ich mir komplette Mahlzeiten, um mein Wunschziel schneller zu erreichen. Ich dachte immer, je schneller ich meinen „Traum“ von 55 Kilo erreicht habe, umso schneller kann ich dann wieder normal essen. Als ich dann aber wirklich 55 Kilo wog, dachte ich, iss lieber noch weniger, dann bist du auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Das habe ich immer weiter so fortgeführt, bis ich dann vor 8 Monaten mit einem Gewicht von 48 Kilo auf einer Körpergröße von 1,70 m zusammenbrach, zurückzuführen auf einen Kreislaufkollaps.

Anhand dieser Geschichte wird deutlich, dass Magersucht lange Zeit mit allgemein akzeptierten Verhaltensweisen und favorisierten Idealen unserer Zeit einhergeht. Sie äußert sich als konsequente Verwirklichung eines überall in der westlichen Welt propagierten Gesundheits- und Schlankheitsideals. Die Motive, abzunehmen, um besser auszusehen, selbstbewusster zu werden, oder ganz einfach, weil andere im eigenen Umfeld auch Diät machen, sind weder außergewöhnlich noch krankheitsverdächtig. Auch wenn die Krankheit bereits Ende des 17. Jahrhunderts von dem Mediziner Richard Morton in dessen Aufzeichnungen erwähnt wurde, hat ihre Verbreitung in der heutigen Konsumgesellschaft eine völlig neue Dimension erlangt. Das überall proklamierte 90-60-90-Schönheitsideal, das von Models auf den Titelseiten von Hochglanzmagazinen und XXL-Plakaten vorgelebt wird, darf inzwischen ja auch gerne etwas unterschritten werden. Praktischerweise findet man die entsprechenden Diät-Anleitungen in den gleichen Magazinen nur ein paar Seiten weiter. Das größte Problem an diesem Schönheitsideal, das Mädchen und Frauen in unserer heutigen Gesellschaft von jeder Seite anspringt, ist, dass die Grenze zur Magersucht fließend ist. Gesunde Menschen würden bei ihrem Wunschgewicht aufhören mit der Diät – kranke machen weiter. Und der Begriff krank ist in diesem Zusammenhang Ausdruck für eine Sucht. Wie Nicola es beschreibt, wird das zu erreichende Gewicht immer niedriger angesetzt und das Erreichen dieses Ziels bestimmt den Alltag. Die Waage wird zum Stimmungsbarometer. Nicht nur die Mahlzeiten werden in Kalorien umgerechnet, sondern auch alle weiteren täglichen Aktivitäten. Wird das selbstgesetzte Zielgewicht erreicht, dann wird das als Glücksgefühl wahrgenommen – man ist dem perfekten Körper ein Stück näher. Und man hat hart dafür gearbeitet, denn freiwillig hungern bedeutet nicht, an Appetitlosigkeit zu leiden. Natürlich hat man Appetit. Deshalb kommt es in Momenten der Schwäche ja auch zu Fressanfällen. Hat man es aber geschafft, den Versuchungen zu trotzen und das Wunschgewicht erreicht, dann hat man Stärke gezeigt. Der Wille hat über den Körper gesiegt, man hat gezeigt, dass man den Körper kontrollieren kann. Das gibt ein Gefühl der Sicherheit. Man hat Kontrolle – zumindest über den eigenen Körper. So schreibt Nicola in ihrer Rubrik:

Ansporn – zum immer wieder Durchlesen:



    Du trägst Tops in Größe M!

    Wie kann das sein, wo es doch auch Größe XS gibt?

    XS für schöne Frauen, für Frauen mit Selbstdisziplin!

    Sieh den Tatsachen ins Auge: Du magst vielleicht in ein paar Wochen schlank sein, aber schlank ist nicht genug!

    Wieso gibst Du Dich mit dem Mittelmaß zufrieden, wenn Du auch Perfektion haben könntest?

    Wo Du auch DÜNN sein könntest?

    Iß nicht.

    Sei ein weiteres Mal stark, und ich werde Dir geben, was Du Dir so sehr wünschst.

    Du wirst einen perfekten Körper haben, dünn und zart und zerbrechlich.


Es fällt schwer, diesen Ansporn aus gesunder Sicht zu verstehen – für Nicola ist er eine Alltagsanleitung. Zusätzlich klingt ein weiteres, wichtiges Motiv durch, das viele Betroffene weiter in die Essstörung treibt:

Dünn sein bedeutet schwach sein zu dürfen!

So lautet auf einer der Webseiten der verzweifelte Grund für die Essstörung:

Ich will dünn sein, damit ich endlich so zerbrechlich und schwach aussehe wie ich mich innerlich fühle. Hat dieser Teufelskreis erst einmal begonnen, gehen damit weitere Effekte einher. Die eigene Wahrnehmung verändert sich. Die Betroffenen empfinden sich, obwohl sie teilweise schon offensichtliches Untergewicht haben, als zu dick. Oftmals wird dann nicht mehr die gesamte Erscheinung betrachtet, sondern einzelne Körperpartien, wie z.B. die Oberschenkel oder der Rücken. Zudem wird oft das soziale Umfeld gestört, weil die Betroffenen ihre Gewohnheiten geheim halten, um keinen Verdacht zu wecken. Enge Vertraute, wie die eigenen Eltern und Freunde, werden deshalb getäuscht oder gemieden. Die Einladung zum romantischen Italiener wird zur Qual, das gemeinsame Abendessen in der Familie zum Horrortrip. So gewöhnt man sich an das Gefühl zu lügen und zu täuschen, isoliert sich und untergräbt die eigene Identität.
Die Anonymität des Internet bietet daher den perfekten Raum für Betroffene, um sich auszutauschen. Im Netz gibt es unzählige Seiten, Blogs und Foren, in denen die meist jungen Mädchen sich mitteilen. Das Internet machte es auch erst möglich, dass sich ganze Bewegungen von Magersüchtigen bzw. Ess-Brechsüchtigen bildeten. Sie nennen sich Pro-Ana (von pro: für und Anorexia nervosa) bzw. Pro-Mia (von pro: für und Bulimia nervosa). Auf den entsprechenden Seiten wird Magersucht bzw. Bulimie nicht als Krankheit, sondern als Lifestyle dargestellt. Hier gibt es Bilder von Vorbildern, sog. Thinspirations, die sowohl Prominente wie Victoria Beckham oder Nicole Richie zeigen als auch unbekannte Mädchen, die mit ihren dürren Körpern stolz vor der Kamera posieren. Hier wird Magersucht als Körperkult zelebriert. Je dünner, desto besser. So findet man auf den Seiten unzählige Tipps zum Abnehmen, aber auch viele pseudo-religiöse Glaubensbekenntnisse, Verse und Gebote. Der Eindruck eines Kults entsteht. Solche Gebote klingen beispielsweise so:

  1. Wenn ich nicht dünn bin, bin ich nicht attraktiv.

  2. Dünn sein ist wichtiger als gesund sein.

  3. Ich muss alles tun, um dünner auszusehen!

  4. Ich darf nicht essen, ohne mich schuldig zu fühlen!

  5. Ich darf nichts essen, ohne danach Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

  6. Ich muss Kalorien zählen und meine Nahrungszufuhr dementsprechend gestalten.

  7. Die Anzeige der Waage ist am wichtigsten!

  8. Gewichtsverlust ist gut, Zunahme ist schlecht.

  9. Du bist niemals zu dünn!


Dabei wird die Krankheit personalisiert. Es ist die Rede von Meinem Leben mit Ana, Meine Freundin Ana und der Brief von Ana ist ein häufig rezitiertes Manifest der Bewegung.
Allerdings haben alle diese Pro-Ana-Webseiten einen Disclaimer, d.h. Leute, die nicht an einer Essstörung leiden, werden aufgefordert, die Seite zu verlassen. Die meisten Blogs zu dem Thema sind zudem durch ein Passwort geschützt. Das ist auch nötig, denn als die Bewegung in den Medien aufkam, zog sie entrüstete Reaktionen nach sich. Besonders die Verbände, die sich dem Kampf gegen die Magersucht verschrieben haben, schlugen Alarm. So wurden nach Kampagnen der National Association of Anorexia Nervosa and Associated Disorders (ANAD) und weiteren Verbänden Pro-Ana-Webseiten und ensprechende Webgemeinschaften von vielen Anbietern, wie Yahoo, MSN, Lycos und Myspace, vom Netz genommen. Dies geschah auf Grundlage der ethischen Richtlinien in ihren Nutzungsbedingungen. Die Pro-Ana-Bewegung reagierte mit dem Argument der Meinungsfreiheit und der in den USA teilweise gesetzlich garantierten Einstellung von Übergewichtigen.
Die Bewegung Pro-Ana stellt aber ein Extrem dar. Die Mädchen, mit denen ich während der Recherche Kontakt hatte, können sich nicht mit Pro-Ana identifizieren. Ihr tägliches Ziel heißt dennoch: Abnehmen! Sie wissen, dass sie krank sind, und sie wären gerne gesund. Doch es ist extrem schwierig, den Teufelskreis der Essstörung zu durchbrechen und den Weg zu einem gesunden Selbstbild wiederzufinden.
Jedem, den dieser Artikel interessiert hat, kann ich nur raten, sich selbst im Netz umzuschauen. Schaut Euch eines der unzähligen Videos auf youtube an, z.B. ana angel 2 und tippt Pro-Ana in die Suchmaschine. Was Ihr zu sehen bekommen werdet, wird Euch teilweise sicherlich entsetzen. Wenn man genau hinsieht, macht es einfach nur traurig. Aber Ihr werdet viele Menschen, die euch täglich umgeben, besser verstehen

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