Zu Termiten befragt, ...
von Cordula Kehrer
Gar nicht so falsch: Die Termite ist zu den Schaben näher verwandt als zu den Ameisen, die zur hochentwickelten Ordnung der Hymenoptera gehören, Schaben und Termiten jedoch zur primitiven Ordnung der Isoptera.
In Australien sind noch halbsozial lebende Schaben bekannt, die sich von Holz ernähren, welches auch die bevorzugte Nahrung einiger Termitenarten ist. Das ist vor allem auch deswegen bekannt, da die Termiten keinen Unterschied zwischen dem in der menschlichen Architektur verwendetem und in der Natur frei herumstehendem Holz machen – im Prinzip betreiben die Termiten auf professionellem Niveau ein Baustoff-Recycling in ihrem Sinne, um Architektur aus Architektur zu machen. Und zwar womöglich oft eine noch Interessantere als die Menschliche: Termiten-Bauten in Afrika können einem kompletten Millionenstaat Unterschlupf bieten, mitsamt eigenem Nahrungsanbau, Klimaanlage, Regenschutzdächern, regulierter Luftzirkulation und jeder Menge Arbeitsräumen.
Die Termite braucht also in ihrem gesamten Leben nie einen Fuß nach draußen zu setzen! Was auch angeraten ist, sind die weichhäutigen, weißen und blinden Tierchen in ihrem Äußeren eher von der Natur benachteiligt, und zum Überleben auf eine konstante Luftfeuchtigkeit und Temperatur angewiesen. Diese zarten Tierchen müssen sich also einen passenden Lebensraum selbst schaffen. Nur gute Organisation kann hier helfen – und fleissige Arbeiter. Arbeitsräume, Arbeitsgänge – Termiten bauen den ganzen Tag lang. Es werden mit Verstrebungen verstärkte geschützte Gänge gebaut, entweder ober- oder unterirdisch, die kilometerlang zur Nahrung führen. Bei der Nahrung angelangt, wird diese erst einmal umbaut, um sie in Ruhe zerlegen und abtransportieren zu können.
Zum Aufbau der teils gigantischen Werke sind Bauarbeiterbrigaden vonnöten, die zahlenmäßig die überlegene Klasse darstellen. Soldaten verteidigen die Festung. Allesamt sind sie die nächsten Verwandten der herrschenden Klasse, die eingesperrt in das königliche Zimmer bis zu 20 Jahre lang Volk wie am Band produzieren. Sollte der Königin und dem König etwas zustoßen, übernehmen Sekundärkönige und –königinnen die Populationsproduktion.
Gleichermaßen als Nahrung und Baumaterial verwenden die holzfressenden Termiten Lignin und Zellulose toter Bäume und Blätter und gewinnen die Nährstoffe mithilfe im Darm lebender Protozoen, deren Enzyme die Zellulose aufspaltet. Innerhalb dieser Einzeller wiederum leben oft parasitäre Bakterien und Pilze.
Andere Termitenarten benötigen keine Protozoen, da sie sich von Pilzen, Gräsern und Flechten ernähren. Holzfressende Termiten haben oft Vorlieben für bestimmte Hölzer, zerstören jedoch nicht die Außenwand des Holzes. Forscher vermuten, dass ein Sinnesorgan die Tiere über Druck- und Spannungskräfte innerhalb des Holzes informiert. Solange also keine große Belastung (in Form eines Menschen) auf einem Stück Nahrung (in Form einer Holzveranda) auftritt, ist die Statik gewährleistet!
Als Abwechslung zur trockenen Holzkost betreiben einige Termitenarten Pilzzucht in eigens angelegten Gewächshäusern, mitten im Termitenbau, und ernten Nahrung zur Aufzucht der Jungtiere.
Je nach Landstrich und Umweltverhältnissen passen sich die Bauwerke den Gegebenheiten perfekt an. In Afrika sind die größten Architekturen zu finden, die bis zu 7 m hoch werden können und einen Durchmesser von bis zu 28 m3 erreichen können, den unterirdischen Teil noch nicht einmal mit eingerechnet. Diese Prunkbauten können aus Speichel und Lehm bestehen, aus Erde, verklebten Sandkörnern oder einer Art Pappmaché aus Holz und Flüssigkeit. Es gibt dünnwandige kleine Kammern, große Säle, dickwandige Räume tief im Inneren für die Königsfamilie, Bogengänge mit Stützsäulchen auf hunderten Etagen. Die Feinabstimmung des Bauplans funktioniert durch die Verständigung per Duftstoffe, wie das jedoch genau geht, weiß niemand. Die Ausrichtung der Gänge innerhalb des Baus orientiert sich aber immer auf der Nord-Süd-Achse, also nach dem Erdmagnetfeld.
Je nach Lebensbedingungen entwickelten die verschiedenen Termitenarten unterschiedliche Baustrategien: In Australien, wo für Tier und Mensch tagsüber unerträglich heiße Temperaturen herrschen, in der Nacht aber winterliche Kälte herrscht, errichten die Termiten schmale, an den Enden spitz zulaufende Gebäude, die eine meterlange Breitseite aufweisen. Ausgerichtet sind die Breitseiten genau nach West und Ost, um bei Sonnenauf- und Untergang möglichst viel angenehme Wärme zu speichern, bevor die Sonne dann hoch am Himmel steht und die Schmalseite nur noch eine minimale Angriffsfläche bietet. Je nach Tageszeit halten sich die Bewohner in verschiedenen Räumen ihres Hauses auf.
In den Tropen lebende Termiten haben andersartige Probleme: Damit der starke Dauerregen nicht die mühsam aufgebauten Häuser wegspült, versehen sie ihre Konstruktionen mit pilzartigen Dächern, oft viele übereinander. Termiten, die als zentrales tragendes Element einen Baumstamm nutzen, bringen ein Regenrinnensystem aus Erdwürstchen, das das Wasser am Termitenbau vorbeileitet, direkt oberhalb des Baus am Baumstamm an.
In anderen afrikanischen Gegenden stehen Monolithen mit einer betonharten Außenhülle von einer Dicke bis zu 60 cm, die Hitze abhält, und einem ca. ein Meter tiefen Kellergewölbe, in dem eine angenehme Temperatur herrscht. Gestützt wird die ganze Baute durch dicke Säulen im Gewölbe, auf denen das Fundament ruht. Eine konstante Temperatur von ca. 30°C und große Luftfeuchtigkeit wird durch die Anwendung verschiedenster Tricks erreicht.
Nigerianische Termiten hängen spiralförmig dünne Lehmhäute von der Decke ab, an deren großer Oberfläche viel Feuchtigkeit verdunsten kann und so zur Temperatur-
regulierung beiträgt, quasi dem Prinzip eines großen Kühlschranks folgend. Forscher fanden Termitenbauten, deren Brunnenschächte sich bis zu 40 m tief in den Boden fraßen, wohl zur Feuchtigkeitsregulierung.
Ansonsten tragen die zigtausend Bewohner durch Körperausscheidungen selbst dazu bei, dass die Feuchtigkeit auf einem hohen Niveau bleibt. Auch die Pilzzuchtanlagen bringen Wärme und Wasser.
Allein von Blattgemüse und Pilzzucht kann aber keine Termite, völlig abgeschlossen von der Außenwelt, leben. Frische Atemluft zirkuliert durch ein ausgeklügeltes System. Durch die extreme Luftfeuchtigkeit kann durch die Bausubstanz kaum ausreichend Sauerstoff gelangen und ein Millionenvolk braucht die gewaltige Menge von weit über tausend Litern Frischluft pro Tag.
Es offenbart sich der Sinn der Zuckerbäckerstil-Optik der meisten Bauten, der durch seine Türme und Türmchen an Stalagniten erinnert. In den Türmen befinden sich Lüftungsröhren, die bis ins Kellergewölbe führen. Warme verbrauchte Luft steigt durch die Röhren auf und zieht kühlere Frischluft in den Keller nach, und der Kreislauf kann von vorne beginnen. Je nach Außentemperatur werden Öffnungen nach Außen von fleißigen Arbeitern zugekittet oder wieder aufgebrochen.
Trotz dieser wunderbaren Errungenschaften für die Architektur des Tierreichs stößt der Baudrang nicht nur auf Verehrer. Es sind zwar relativ zur Artenvielfalt der Termiten nur einige wenige Arten, deren Haupmahlzeit exklusiv Trockenholz fordert. Doch diese sind beispielsweise bei Hausbesitzern im amerikanischen Süden extrem unbeliebt, die gelegentlich durch einen komplett ausgehöhlten Wohnzimmerboden stürzen. Unzählige Bibliotheken und Schiffe, Eisenbahnschwellen und Telefonmasten, Holzhütten und Waggons wurden von hungrigen Termiten verputzt.
Den schönsten Fall berichtete ein Mädchen aus Florida, das ein wertvolles Klavier aus einer Stadt der Südküste erbte. Beim ersten Spiel zerfiel das Klavier unter den Händen der Spielerin zu Holzstaub.
zurück