erschienen in der HOW TO #1 – architecture
Am 11. Oktober 2005 eröffnete in der Tate Gallery in London eine Ausstellung von Rachel Whiteread in der riesigen Turbinenhalle, 150 m lang und 35 m hoch. Ihre Installation Embankment zeigte Abgüsse des Inneren von 14.000 Pappkartons und Schachteln – Behälter privater Sachen, persönlicher Besitztümer und Räume intimer Erinnerungen wie Fotos und Briefen (Abb. 1). Mit der Anhäufung dieser Boxen wollte die Künstlerin beim Besucher ein Gefühl von Intimität, Vertrautheit und Mystik in diesem gigantischen Kunstraum erzeugen.
Angefangen hatte Rachel Whitereads (geb. 1963 in London) Laufbahn als Malerin. Bis zum Schulabschluss hatte sie probiert sich von ihrer Mutter, einer Künstlerin, zu unterscheiden. Nach der Schule hat sie sich im letzten Moment doch noch entschieden die Richtung ihrer Mutter einzuschlagen und in Brighton freie Malerei zu studieren (1983 –1985) . Während ihrer Ausbildung wurde früh deutlich, dass ihre Palette weit über die der Malerei hinaus ging. Auf Angebote den Studiengang doch zu wechseln, reagierte sie damals noch ablehnend und erst in ihrem Aufbaustudium an der Slade in London (1985 –1987) entschied sie sich für Sculpturing.
Nachdem sie im Studium in Brighton erste Workshops zum Thema belegte, fing sie an Abdrücke von ihrem eigenen Körper zu nehmen. Beine, Armbeugen, ihre Ohrmuschel in Wachs waren die ersten und sicherlich intimsten, Räume die sie als Negativform sichtbar machte.
Die erste eigene Arbeit, die sie selber als Skulptur gelten ließ war der Guss des Innenraums ihres Kleiderschranks in Gips (Abb. 2). Bekleidet mit schwarzem Samt, schluckt sie das Licht der Umgebung und bringt doch einen Raum unserer vertrautesten Dinge, mit denen jeder von uns ganz eigene Vorstellungen und Erinnerungen verbindet, zum Vorschein. Rachel Whiteread beschreibt diese Räume auf zwei Ebenen – rein äußerlich bildet sie mit ihren Skulpturen Räume negativ, positiv oder in Kombination von beidem ab. Ihr eigentliches Interesse liegt aber in der Assoziationsebene – den ganz eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, die jeder Betrachter mit den gezeigten Räumen verbindet und den Gefühlen, die dadurch in ihm hervorgerufen werden.
Erst nahm sie Abdrücke eigener Körperteile und füllte diese mit Wachs, dann von sehr privaten Gegenständen wie dem Inneren ihrer Wärmflasche (Torso, 1988), oder ihre Matratze (Shallow Breath, 1988). Es folgten Abgüsse der Innenräume ihres Kleiderschranks (Closet, 1988), von Kommoden (Mantle, 1988) und der Fußräume verschiedener Tische (Yellow Leaf & Fort, beide 1989).
Ein Jahr später beschrieb sie in einer Bewerbung um Fördergelder für ihr bisher größtes Kunstwerk ihr Vorhaben, indem sie sagte, sie wolle die Luft in einem Raum mumifizieren. Bei der späteren Verwirklichung nahm sie einen Abdruck des Innenraumes eines ganzen viktorianischen Wohnzimmers (Ghost, 1990, Abb. 3). In ihrer Entwicklung war sie nun einen weiteren Schritt gegangen – als Formgeber bediente sie sich anfänglich ihres Körpers, später Möbel, bei denen der menschliche Maßstab eine große Rolle spielte, um sich nun der Architektur zuzuwenden.
Den Raum, der danach renoviert werden sollte, besuchte sie einen Monat lang jeden Tag und plante ihre Aktion, die sie in den folgenden drei Monaten eigenhändig durchführte, bis in Detail. Ghost entstand nach dem Studium anderer Arbeiten mit Negativräumen, Durchbrüchen und – schnitten von Gordon Matta–Clark (u.a. Splitting, 1974), Robert Smithons (Spiral Jetty, 1970) und Michael Heizer (Double Negative, 1969). Wie Matta-Clarks Arbeiten sollte Ghost auch temporär sein, wurde aber letztendlich von Charles Saatchi gekauft und brachte sie erstmals auf die Liste für den Turnerpreis 1991. Später nahm sie Abdrücke von verschiedenen Fußböden in Wachs und Gips (1992 –1993) und fing an mehr Einfluss auf das abzuformende Objekt zu nehmen. Während eines internationalen DAAD Stipendiums goss Rachel Whiteread 1993 in Berlin erstmals einen Raum, den es so nie gegeben hatte – Untitled (Room). Die unvertraute Umgebung wirkte wie ein Katalysator, der sie andere Aspekte ihrer Arbeit erkunden ließ.
Ihre Skulpturen sind damit abstrakter geworden. Wo früher Abdrücke von Oberflächen, deren Beschaffenheit, Maserungen, Fehler, Macken im Vordergrunden standen und die persönliche Verbindung zum Betrachter aufbauten, stehen nun andere Qualitäten im Vordergrund.
In Berlin wurde Rachel Whiteread außerdem Zeuge der Debatte um den Umgang mit alten Nazi-Bunkern. Damit diese nicht zum Kultort für ewig Gestrige werden, sollten sie mit Beton ausgegossen werden. Für Rachel Whiteread war die Vorstellung eines solch erinnerungsbeladenen Abgusses, verborgen im Untergrund, ein Unglück. Sie hätte den Beton am liebsten ausgraben lassen und die Negativform der Gänge zum Mahnmal gegen das Regime gemacht.
Während sie 1993 erneut für den Turner Preis nominiert war, wurde ihr Schlüsselwerk Untitled (House) (Abb. 4) am 25. Oktober 1993 in London enthüllt. Etwa 6 Wochen verbrachte Rachel Whiteread und ihr Team von Helfern und Ingenieuren damit, das Innere eines gesamten Hauses in London für einen Abguss zu präparieren. Es dauerte einen Monat das Haus mit Beton auszuspritzen und 10 Tagen bis zum Abbinden des Betons. Zweieinhalb Monate war das Kunstwerk zu sehen und erregte internationales Aufsehen, bis es nach viel Widerspruch doch abgerissen wurde, um einer Umgehungsstraße Platz zu machen. Am Tag an dem die Gemeinde sich endgültig zum Abbruch entschied, gewann Rachel Whiteread, 1993 als erste Frau den renommierten Turner Preis.
Es folgten Serien von kleineren Objekten – Abgüsse von Stühlen, Tischen und Stühlen, Sockeln, Fußböden und Wannen, bei denen sie mit Materialien, Farben und Addition experimentierte. Im Januar 1996 gewann Rachel Whiteread einen internationalen Wettbewerb für den Entwurf eines Holocaust Mahnmals auf dem Judenplatz in Wien. Sie wollte beinahe noch von ihrem Beitrag zurücktreten, da sie weder Jüdin ist noch ihre Familie von den Gräueltaten betroffen war. Ihre Zeit in Berlin jedoch, die Auseinandersetzung mit dem Thema des Dritten Reiches dort, ihre Besuche in Konzentrationslagern und die Beobachtungen bestärkten sie in der Teilnahme.
Ihr Beitrag bestand aus einem Guss einer frei erfundenen fensterlosen Bibliothek aus Beton. Mit Ausnahme von zwei Türen sind die vier Wände umgehend mit positiven Abdrücken von Büchern gefüllt, gegliedert in Blöcke, als ob die Regale und ihre Böden fehlen würden. Die Bücher kehren ihre Seiten nach außen zum Betrachter, symbolisch für die Masse der Opfer – und die Rücken unlesbar ins Innere, mitsamt ihrer Information, die für immer verloren ist.
Das Mahnmal wurde nach langen Kämpfen mit der Stadt Wien im Jahr 2000 auf dem Judenplatz fertiggestellt (Abb. 5). Rachel Whiteread widerstand großem Druck ihr Werk an anderer Stelle in Wien zu verwirklichen. »To move the work is to destroy the work«, sagte Richard Serra, 1989 als er akzeptieren musste, dass sein bekanntestes Werk im öffentlichen Raum, Tilted Arc, vom Federal Square in New York genommen wurde.
Während der Jahre von 1995 – 2000 begleiteten die Bücher, Bücherregale und deren Zwischenräume und Gänge Rachel Whitereads Gussformen. Sie wurde unter anderem mit Teilen dieser Serie die erste Frau, die mit einer Soloausstellung einen Beitrag für den britischen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig (1997) stellte.
Gleich nach der Enthüllung von House wurde Rachel Whiteread 1994 vom Public Art Fund nach New York gerufen um eine Installation zu machen. Wie Gordon Matta-Clark (1973), war sie anfänglich von den verlassenen Grundstücksfragmenten fasziniert, die unzugänglich zwischen den Gebäuden brachliegen. Nach einem Trip nach Brooklyn entschied sie, bei einem Blick zurück auf Manhatten, jedoch, dass sie die Architektur dieser Stadt nicht auf Straßenebene, sondern auf ihren Dächern herausfordern wollte. Sie entschied sich einen der vielen Wasserspeicher mit klarem Harz auszugießen und mit dieser Form die Präsenz des sonst versteckten Wassers zu zeigen und zu materialisieren – in einer Zeit in der neue Installationen in den Häusern viele der Speicher überflüssig machten. Das fertige Objekt Water Tower (siehe Abb. 6) wurde 1998 aufgestellt; halb versteckt, unzugänglich, musste man suchen, um einen Blick auf die Skulptur zu bekommen. Die Form blieb zwei Jahre auf ihrem Stahlgerüst und nach ihrem Abbau untersagte Rachel Whiteread den Verkauf an einen Sammler in Los Angeles. Die Skulptur sei ortsgebunden an New York argumentierte sie und so wurde sie später an das Museum of Modern Art verkauft.
2001 vollendete sie Monument (Abb. 7) auf einem mehr als 150 Jahre freigebliebenen Sockel am Trafalgar Square in London, gedacht für eine Reiterstatue. Sie war die letzte von drei Künstlern, der von der Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce getragenen Aktion, die auf diesem Sockel ausstellte. Ihre Skulptur war ein positiver 1:1 Abdruck des Sockels selbst, aus klarem Harz hergestellt und kopfüber platziert. Monument hält dem Betrachter einem Spiegel vor, provoziert den Vergleich mit den benachbarten Sockeln und deren Statuen von George IV, Charles Napier, Henry Havelock und Nelsons Säule, und veranlasst sich selbst auf den Sockel zu wünschen.
Als Rachel Whiteread mit ihrem Partner Marcus Taylor 1999 in East London die Synagoge in Bethanal Green kaufte um dort Studios aufzumachen und zu wohnen, bezogen sie einen Raum mit viel Geschichte. Der Weg, dies für sie zu einem Zuhause zu machen, konnte nur über die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Gebäude gehen und sie fing an, an den Werken Untitled (Basement), Untitled (Stairs) und Untitled (Upstairs) (Abb. 8) zu arbeiten. Endlich konnte sie ihren jahrzehntelangen Wunsch Treppen abzugießen, der schon seit House bestand, in die Tat umsetzen. Doch anders als bei vielen ihrer vorhergehenden Skulpturen, wurde diesmal die äußere Form nicht nach Härtung des Gussmaterials abgerissen. Rachel Whiteread musste diesmal einen Weg finden die eigentliche Form intakt zu halten.
Ihre früheren Arbeiten wurde oft mit Vergänglichkeitsgedanken in Zusammenhang gebracht – mit dem Versuch Leben und Erinnerungen in Stein zu meißeln, bzw. in Gips oder andere Materialien zu giessen. Ghost wurde beschrieben wie ein Mausoleum, das die Erinnerungen, Gedanken und Bewegungen der ehemaligen Bewohner in sich birgt. Und passend zu dieser Thematik ist der Großteil von Rachel Whitereads Kunst, ähnlich der Fotografie oder einer Totenmaske, nur möglich durch einen Zustand, der nie wieder kommt. Die reine Existenz ihrer Werke ist ein Zeichen für das Ende und nur möglich durch die Vergänglichkeit des abgebildeten Objekts.
Der Autor A. M. Homes schrieb einmal über Rachel Whiteread, er könne sich vorstellen sie würde Gips schlucken, wenn das möglich wäre, um ein Abbild von sich selbst zu schaffen.
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Rachel Whiteread
von Thilo NüßgenAm 11. Oktober 2005 eröffnete in der Tate Gallery in London eine Ausstellung von Rachel Whiteread in der riesigen Turbinenhalle, 150 m lang und 35 m hoch. Ihre Installation Embankment zeigte Abgüsse des Inneren von 14.000 Pappkartons und Schachteln – Behälter privater Sachen, persönlicher Besitztümer und Räume intimer Erinnerungen wie Fotos und Briefen (Abb. 1). Mit der Anhäufung dieser Boxen wollte die Künstlerin beim Besucher ein Gefühl von Intimität, Vertrautheit und Mystik in diesem gigantischen Kunstraum erzeugen.
Angefangen hatte Rachel Whitereads (geb. 1963 in London) Laufbahn als Malerin. Bis zum Schulabschluss hatte sie probiert sich von ihrer Mutter, einer Künstlerin, zu unterscheiden. Nach der Schule hat sie sich im letzten Moment doch noch entschieden die Richtung ihrer Mutter einzuschlagen und in Brighton freie Malerei zu studieren (1983 –1985) . Während ihrer Ausbildung wurde früh deutlich, dass ihre Palette weit über die der Malerei hinaus ging. Auf Angebote den Studiengang doch zu wechseln, reagierte sie damals noch ablehnend und erst in ihrem Aufbaustudium an der Slade in London (1985 –1987) entschied sie sich für Sculpturing.
Nachdem sie im Studium in Brighton erste Workshops zum Thema belegte, fing sie an Abdrücke von ihrem eigenen Körper zu nehmen. Beine, Armbeugen, ihre Ohrmuschel in Wachs waren die ersten und sicherlich intimsten, Räume die sie als Negativform sichtbar machte.
Die erste eigene Arbeit, die sie selber als Skulptur gelten ließ war der Guss des Innenraums ihres Kleiderschranks in Gips (Abb. 2). Bekleidet mit schwarzem Samt, schluckt sie das Licht der Umgebung und bringt doch einen Raum unserer vertrautesten Dinge, mit denen jeder von uns ganz eigene Vorstellungen und Erinnerungen verbindet, zum Vorschein. Rachel Whiteread beschreibt diese Räume auf zwei Ebenen – rein äußerlich bildet sie mit ihren Skulpturen Räume negativ, positiv oder in Kombination von beidem ab. Ihr eigentliches Interesse liegt aber in der Assoziationsebene – den ganz eigenen Erinnerungen und Erfahrungen, die jeder Betrachter mit den gezeigten Räumen verbindet und den Gefühlen, die dadurch in ihm hervorgerufen werden.
Erst nahm sie Abdrücke eigener Körperteile und füllte diese mit Wachs, dann von sehr privaten Gegenständen wie dem Inneren ihrer Wärmflasche (Torso, 1988), oder ihre Matratze (Shallow Breath, 1988). Es folgten Abgüsse der Innenräume ihres Kleiderschranks (Closet, 1988), von Kommoden (Mantle, 1988) und der Fußräume verschiedener Tische (Yellow Leaf & Fort, beide 1989).
Ein Jahr später beschrieb sie in einer Bewerbung um Fördergelder für ihr bisher größtes Kunstwerk ihr Vorhaben, indem sie sagte, sie wolle die Luft in einem Raum mumifizieren. Bei der späteren Verwirklichung nahm sie einen Abdruck des Innenraumes eines ganzen viktorianischen Wohnzimmers (Ghost, 1990, Abb. 3). In ihrer Entwicklung war sie nun einen weiteren Schritt gegangen – als Formgeber bediente sie sich anfänglich ihres Körpers, später Möbel, bei denen der menschliche Maßstab eine große Rolle spielte, um sich nun der Architektur zuzuwenden.
Den Raum, der danach renoviert werden sollte, besuchte sie einen Monat lang jeden Tag und plante ihre Aktion, die sie in den folgenden drei Monaten eigenhändig durchführte, bis in Detail. Ghost entstand nach dem Studium anderer Arbeiten mit Negativräumen, Durchbrüchen und – schnitten von Gordon Matta–Clark (u.a. Splitting, 1974), Robert Smithons (Spiral Jetty, 1970) und Michael Heizer (Double Negative, 1969). Wie Matta-Clarks Arbeiten sollte Ghost auch temporär sein, wurde aber letztendlich von Charles Saatchi gekauft und brachte sie erstmals auf die Liste für den Turnerpreis 1991. Später nahm sie Abdrücke von verschiedenen Fußböden in Wachs und Gips (1992 –1993) und fing an mehr Einfluss auf das abzuformende Objekt zu nehmen. Während eines internationalen DAAD Stipendiums goss Rachel Whiteread 1993 in Berlin erstmals einen Raum, den es so nie gegeben hatte – Untitled (Room). Die unvertraute Umgebung wirkte wie ein Katalysator, der sie andere Aspekte ihrer Arbeit erkunden ließ.
Ihre Skulpturen sind damit abstrakter geworden. Wo früher Abdrücke von Oberflächen, deren Beschaffenheit, Maserungen, Fehler, Macken im Vordergrunden standen und die persönliche Verbindung zum Betrachter aufbauten, stehen nun andere Qualitäten im Vordergrund.
In Berlin wurde Rachel Whiteread außerdem Zeuge der Debatte um den Umgang mit alten Nazi-Bunkern. Damit diese nicht zum Kultort für ewig Gestrige werden, sollten sie mit Beton ausgegossen werden. Für Rachel Whiteread war die Vorstellung eines solch erinnerungsbeladenen Abgusses, verborgen im Untergrund, ein Unglück. Sie hätte den Beton am liebsten ausgraben lassen und die Negativform der Gänge zum Mahnmal gegen das Regime gemacht.
Während sie 1993 erneut für den Turner Preis nominiert war, wurde ihr Schlüsselwerk Untitled (House) (Abb. 4) am 25. Oktober 1993 in London enthüllt. Etwa 6 Wochen verbrachte Rachel Whiteread und ihr Team von Helfern und Ingenieuren damit, das Innere eines gesamten Hauses in London für einen Abguss zu präparieren. Es dauerte einen Monat das Haus mit Beton auszuspritzen und 10 Tagen bis zum Abbinden des Betons. Zweieinhalb Monate war das Kunstwerk zu sehen und erregte internationales Aufsehen, bis es nach viel Widerspruch doch abgerissen wurde, um einer Umgehungsstraße Platz zu machen. Am Tag an dem die Gemeinde sich endgültig zum Abbruch entschied, gewann Rachel Whiteread, 1993 als erste Frau den renommierten Turner Preis.
Es folgten Serien von kleineren Objekten – Abgüsse von Stühlen, Tischen und Stühlen, Sockeln, Fußböden und Wannen, bei denen sie mit Materialien, Farben und Addition experimentierte. Im Januar 1996 gewann Rachel Whiteread einen internationalen Wettbewerb für den Entwurf eines Holocaust Mahnmals auf dem Judenplatz in Wien. Sie wollte beinahe noch von ihrem Beitrag zurücktreten, da sie weder Jüdin ist noch ihre Familie von den Gräueltaten betroffen war. Ihre Zeit in Berlin jedoch, die Auseinandersetzung mit dem Thema des Dritten Reiches dort, ihre Besuche in Konzentrationslagern und die Beobachtungen bestärkten sie in der Teilnahme.
Ihr Beitrag bestand aus einem Guss einer frei erfundenen fensterlosen Bibliothek aus Beton. Mit Ausnahme von zwei Türen sind die vier Wände umgehend mit positiven Abdrücken von Büchern gefüllt, gegliedert in Blöcke, als ob die Regale und ihre Böden fehlen würden. Die Bücher kehren ihre Seiten nach außen zum Betrachter, symbolisch für die Masse der Opfer – und die Rücken unlesbar ins Innere, mitsamt ihrer Information, die für immer verloren ist.
Das Mahnmal wurde nach langen Kämpfen mit der Stadt Wien im Jahr 2000 auf dem Judenplatz fertiggestellt (Abb. 5). Rachel Whiteread widerstand großem Druck ihr Werk an anderer Stelle in Wien zu verwirklichen. »To move the work is to destroy the work«, sagte Richard Serra, 1989 als er akzeptieren musste, dass sein bekanntestes Werk im öffentlichen Raum, Tilted Arc, vom Federal Square in New York genommen wurde.
Während der Jahre von 1995 – 2000 begleiteten die Bücher, Bücherregale und deren Zwischenräume und Gänge Rachel Whitereads Gussformen. Sie wurde unter anderem mit Teilen dieser Serie die erste Frau, die mit einer Soloausstellung einen Beitrag für den britischen Pavillon bei der Kunstbiennale in Venedig (1997) stellte.
Gleich nach der Enthüllung von House wurde Rachel Whiteread 1994 vom Public Art Fund nach New York gerufen um eine Installation zu machen. Wie Gordon Matta-Clark (1973), war sie anfänglich von den verlassenen Grundstücksfragmenten fasziniert, die unzugänglich zwischen den Gebäuden brachliegen. Nach einem Trip nach Brooklyn entschied sie, bei einem Blick zurück auf Manhatten, jedoch, dass sie die Architektur dieser Stadt nicht auf Straßenebene, sondern auf ihren Dächern herausfordern wollte. Sie entschied sich einen der vielen Wasserspeicher mit klarem Harz auszugießen und mit dieser Form die Präsenz des sonst versteckten Wassers zu zeigen und zu materialisieren – in einer Zeit in der neue Installationen in den Häusern viele der Speicher überflüssig machten. Das fertige Objekt Water Tower (siehe Abb. 6) wurde 1998 aufgestellt; halb versteckt, unzugänglich, musste man suchen, um einen Blick auf die Skulptur zu bekommen. Die Form blieb zwei Jahre auf ihrem Stahlgerüst und nach ihrem Abbau untersagte Rachel Whiteread den Verkauf an einen Sammler in Los Angeles. Die Skulptur sei ortsgebunden an New York argumentierte sie und so wurde sie später an das Museum of Modern Art verkauft.
2001 vollendete sie Monument (Abb. 7) auf einem mehr als 150 Jahre freigebliebenen Sockel am Trafalgar Square in London, gedacht für eine Reiterstatue. Sie war die letzte von drei Künstlern, der von der Royal Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce getragenen Aktion, die auf diesem Sockel ausstellte. Ihre Skulptur war ein positiver 1:1 Abdruck des Sockels selbst, aus klarem Harz hergestellt und kopfüber platziert. Monument hält dem Betrachter einem Spiegel vor, provoziert den Vergleich mit den benachbarten Sockeln und deren Statuen von George IV, Charles Napier, Henry Havelock und Nelsons Säule, und veranlasst sich selbst auf den Sockel zu wünschen.
Als Rachel Whiteread mit ihrem Partner Marcus Taylor 1999 in East London die Synagoge in Bethanal Green kaufte um dort Studios aufzumachen und zu wohnen, bezogen sie einen Raum mit viel Geschichte. Der Weg, dies für sie zu einem Zuhause zu machen, konnte nur über die künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Gebäude gehen und sie fing an, an den Werken Untitled (Basement), Untitled (Stairs) und Untitled (Upstairs) (Abb. 8) zu arbeiten. Endlich konnte sie ihren jahrzehntelangen Wunsch Treppen abzugießen, der schon seit House bestand, in die Tat umsetzen. Doch anders als bei vielen ihrer vorhergehenden Skulpturen, wurde diesmal die äußere Form nicht nach Härtung des Gussmaterials abgerissen. Rachel Whiteread musste diesmal einen Weg finden die eigentliche Form intakt zu halten.
Ihre früheren Arbeiten wurde oft mit Vergänglichkeitsgedanken in Zusammenhang gebracht – mit dem Versuch Leben und Erinnerungen in Stein zu meißeln, bzw. in Gips oder andere Materialien zu giessen. Ghost wurde beschrieben wie ein Mausoleum, das die Erinnerungen, Gedanken und Bewegungen der ehemaligen Bewohner in sich birgt. Und passend zu dieser Thematik ist der Großteil von Rachel Whitereads Kunst, ähnlich der Fotografie oder einer Totenmaske, nur möglich durch einen Zustand, der nie wieder kommt. Die reine Existenz ihrer Werke ist ein Zeichen für das Ende und nur möglich durch die Vergänglichkeit des abgebildeten Objekts.
Der Autor A. M. Homes schrieb einmal über Rachel Whiteread, er könne sich vorstellen sie würde Gips schlucken, wenn das möglich wäre, um ein Abbild von sich selbst zu schaffen.
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