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erschienen in der HOW TO #1 – architecture

Gelsenkirchener Barock

von Alex Leask

Verehrter Leser, wie wir alle wissen bezeichnet der Begriff »Gelsenkirchener Barock« eine möbelspezifische Kategorie urdeutscher Wohnkultur der 50er und 60er Jahre. Viele von uns sind inmitten solch formvollendeter Wohnzimmerschränke aufgewachsen oder kennen sie zumindest von Besuchen bei, nach Geronto-Urin müffelnden, Großtanten. Mit Innenmobiliar hat aber der folgende Artikel überhaupt nichts zu tun.

Pocci

Wie in jedem wissenschaftlichen Artikel üblich und gefordert, werde ich mich zunächst einer Begriffsklärung widmen. Kernthema dieser How To -Veröffentlichung ist offensichtlich Architektur. Als abgebrochener Anglistik-, Geschichte- und Politikwissenschaftsmagistrand habe ich naturgemäß eine Menge dazu beizutragen. Aus meiner Sicht (und mit freundlicher Unterstützung der Damen, Herren und Hermaphroditen von Wikipedia) ist Architektur: »die Auseinandersetzung mit Mensch und gebautem Raum und [ … ] des planvollen Entwurfs der gebauten menschlichen Umwelt.«
In eigenen Worten ausgedrückt ist Architektur unter anderem der willentliche Versuch nicht nur eine bauliche Umgebung gestalterisch zu beeinflussen und zu optimieren, sondern oftmals eben auch die Menschen, die darin leben, zu verändern. Versuche dieser Art sind in fast allen postindustriellen Gesellschaften allenthalben zu finden. Das berühmeste Beispiel dafür sind mit Sicherheit die Docklands in London.
Das Rezept ist verblüffend einfach. Man nehme: eine heruntergekommene Industriebrache, 34 Phantastilliarden Steuergelder und einige handverlesene Stararchitekten. Das ganze wird in einen großen Leinensack getan und solange darauf herumgeklopft bis die Hälfte der Steuergelder spurlos verschwindet und die Stararchitekten ihre Anwälte hinzuziehen um aus dem ganzen Schlamassel herauszukommen. Trotzdem bleibt die Kreation meist so attraktiv, dass nach wohlwollender Berichterstattung durch die Boulevardpresse und prominenter Unterstützung (bei den Docklands ein Segelohrprinz mit grünem Daumen), sowie einer beträchtlichen Senkung der ursprünglich horrenden Immobilienpreise, jede Menge Yuppie-Gesocks in diese urbanen Oasen umsiedelt.
Und genau das ist in Gelsenkirchen eben nicht passiert. Hier hat man ganz was anderes versucht. Peter Lustig erzählt die Geschichte gerne so:
Erst muss Gelsenkirchen gegründet werden. Das ist schon ganz schön lange her. Etwa um 1150. Damals heißt Gelsenkirchen noch nicht mal Gelsenkirchen, sondern Geilistirinkirkin. Das heißt soviel wie »die Kirche am Platz, wo sich geile Stiere tummelten«. Und das, liebe Kinder, ist kein Scheiß. Später finden sie unter den geilen Stieren Kohle und die bringt mehr Geld. Weil aber die Deutschen zu teuer sind, um die Kohle abzubauen, kommen die Polen. Und später die Türken. Dazwischen ist Krieg. Da kommen die Briten und bomben Gelsenkirchen kaputt. Auch den Bahnhof, denn der wurde inzwischen gebaut, um die Kohle wegzubringen. Tiren Istasyon. Das war türkisch und heißt Bahnhof. Und das ist das Ende der Sendung mit Maus.
Und langsam kommen wir zum Kern dieses Aufsatzes. Denn ähnlich den Docklands wurde auch in Gelsenkirchen der Versuch gestartet, aus einem städtebaulichen Furunkel einen Vorzeigephallus zu zaubern. Anlass war – wie könnte es anderes sein  –  die Fußball-WM. Klar, die Welt zu Gast bei Freunden. Da muss man zeigen, dass man wer ist. Allerdings: Anders als in den 30er und 40er Jahren des vorangegangen Jahrhunderts macht man das heute nicht mehr mit den Exportatikeln Panzerschlacht und Blitzkrieg, sondern indem man binnenwirtschaftlich marode Baumasse aufpoliert.
Der Plan ist verblüffend simpel. Mit einem umfassenden Relaunch des Eisenbahnportals der Ruhrgebietskapitale soll dem ausländischen Besucher verschleiert werden, dass er sich so weit im Westen eigentlich fast schon im Osten befindet. 19,2% Arbeitslose (zum Vergleich: Leipzig 17,2%, Dresden 13,0%, Rostock 19,9%, Magdeburg 15,8%) sprechen eine deutliche Sprache. Weil aber in Gelsenkirchen das schönste Stadion der Welt steht (meine Schalke Mitgliedsnummer ist: 490  402  057  097), darf dieses Kleinod natürlich dem Fußballenthusiasten aus Übersee nicht vorenthalten werden. Und so wird der lokale Bahnhof gentrifiziert.
Ursprünglich am 1. Juli 1907 eröffnet, liegt genannter Hauptbahnhof am Schnittpunkt der transgalaktischen Bahnstrecken Oberhausen – Gelsenkirchen – Herne – Dortmund und Essen – Gelsenkirchen – Recklinghausen – Münster. Pünktlich zum Beginn der WM wartet nun der neue Bahnhof mit einem neuen Reisezentrum näher an den Bahnsteigen auf. Zu jedem Bahnsteig führt nun ein Aufzug und selbst ein Blindenleitsystem (weiße Bodenplatten mit Rillen; wahrscheinlich für Borussia Doofmund Fans) wurde in den Bahnhof integriert.
Damit noch nicht genug: Selbst die Gelsenkirchener Einkaufspassage – die Bahnhofsstraße, häufig in einem Atemzug mit der New Yorker 5th Avenue genannt, – wurde verschönert. Verrückt nicht? In der Tat. Vor allen Dingen kaum zu glauben. Jetzt hat also die Stadt Gelsenkirchen einen dem Millenium gemäßen Reisetempel. Absicht ist natürlich nicht nur dem Neuankömmling zu suggerieren, dass das Umfeld in das er entsteigt gesünder ist als es tat-sächlich ist, sondern auch dem Ureinwohner dasselbe vorzugaukeln. Letzteres kann aber nur gelingen, wenn die neue Architektur angenommen wird.
Das eben passiert nicht. Der alte Bahnhof sah vielleicht scheiße aus, aber er fügte sich in sein soziokulturelles Umfeld ein. Nicht nur das, er zog es geradezu an. Während ehedem die Currywurstbuden und Dönerstände in den offenen Bahnhofsvorplatz hineinwuchsen und somit den ersten Blickfang für den Eintreffenden ergaben, begrüßen einen heute Stereotypstehcafés und Schließfächer. Anstatt Trinkhallen mit Pils für €1,20 und Herrengedeck für €2,80 locken nun nach Musterhausbahnhofsbauprinzip Buchhandlung und Annette’s Allerlei mit preiswerten Angeboten.
Das mag zunächst unerheblich erscheinen. Die gesamte Tragweite enfaltet sich aber erst wenn der geneigte Leser erkennt, welches die Hauptfunktion des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs ist. Er ist jedes Wochenende Treffpunkt Tausender Fußballfans, die entweder zur Arena pilgern oder sich bereits sturzbesoffen auf große Auswärtsfahrt begeben. Und für die Freizeitgestaltung dieser Klientel hat die DB einfach daneben gelangt.
Es existieren im Bahnhof keine Nischen mehr in die ungesehen hineinuriniert werden kann. Da müssen wir raus in die Kälte und uns Blasenentzündung holen! Es gibt keine Rückzugsmöglichkeiten für Hartz IV Empfänger aus Datteln zum zahnlosen Tete-a-Tete. Soll sich das etwa jeder mit ansehen müssen? Wo sollen denn nun junge Schalker Familien ihre Kinderwagen schattig abstellen können, damit das Neugeborene in heißen Sommermonaten von zahllosen Veltins Flaschen kühl gehalten wird? Wenn das Kind einen Hitzschlag kriegt, ist Mehdorn schuld?
Kurz gesagt: Anstatt einen kulturell angemessenen und der Funktion adäquaten Raum zu schaffen, haben wir es mit dem Umbau des Gelsenkirchener Hauptbahnhofs mit einem der größten architektur-ideologischen Missgriffe der Neuzeit zu tun. Denn eine Currywurst ist und bleibt eine Currywurst, selbst wenn sie auf Meißener Porzellan serviert wird. Tröstlich ist einzig, dass schon wenige Monate nach der Eröffnung offensichtliche Verfallserscheinungen sichtbar werden. So leuchtet es neonweiß in den Gelsenkirchener Nachthimmel:



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