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erschienen in der HOW TO #1 – architecture

Engel am Dach  der Welt

von Katharina Weiler


» Who, then, will dare say that there is nothing  left for us but to copy the five or seven-  lobed flowers of the 13 th century; the Honey  suckle of the Greeks or the Acanthus of  the Romans, – that this alone can produce  art? Is Nature so tied? See how various  the forms, and how unvarying the principles.«

Owen Jones: The Grammar of Ornament (1856)

Die traditionelle Architektur des Kathmandu-Tals in Nepal wurde im 19. Jahrhundert einem radikalen Wandel unterzogen. Zuerst waren es die Herrscherpaläste, bei deren Gestaltung man sich an der klassizistischen Architektur Europas orientierte. Diese neuen Formen wurden dann auch an den Fassaden zahlreicher Wohnhäuser rezipiert. Neben klassischen europäischen und lokalen Formen wählte man auch islamische Ornamente aus der Zeit der Mogulen in Nordindien als Dekor. Die wichtigsten Städte des Kathmandu-Tals, in denen man diesen Baustil findet, sind die ehemaligen Königsstädte Bhaktapur, Kathmandu und Patan. Heute charakterisiert nicht mehr das traditionelle newarische Wohnhaus diese Städte, sondern es sind die hybriden Häuser, die während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erbaut wurden – die meisten nach einem verheerenden Erdbeben im Jahre 1934 – die vor allem der Stadt Patan seinen genius loci verleihen. An den Wohnhäusern wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf einzigartige Weise die multiple Identität der Bevölkerung des Kathmandu-Tals, der Volksgruppe der Newars, deutlich.
Seit dem frühen 19. Jahrhundert verwehrten die Shah-Herrscher in Nepal bis auf wenige Ausnahmen allen Westlern den Zutritt in das Land. Auch unter der folgenden Herrschaft der Ranas blieb Nepal abgeschottet, doch wuchsen militärische Beziehungen mit den Briten und später auch Handelsverflechtungen mit England und Britisch-Indien. Die Ranas suchten Anschluss an die Welt ihres kolonialisierten Nachbarlandes, wozu auch eine neu gewonnene Vorliebe für venezianische Spiegel, in England hergestellte gusseiserne Brüstungen und Säulen, Pianos und schließlich auch Autos zählten. Das gilt auch für die etwas später entstandenen Wohnhäuser: Neoklassizistische Formen stellten eine Errungenschaft dar, die zu zeigen erneut Weltläufigkeit demonstrierte und mit der man einen neuen Trend in der nepalesischen Architektursprache setzte. Die Gestaltung von Ornamenten wurde in vielen Fällen von europäischen Vorbildern inspiriert. Anders als in Europa, wo diese Schmuckformen im Klassizismus oft mit nationaler Identität und Religion konnotiert wurden, spielte derartiger Bedeutungssinn in Nepal hingegen keine Rolle und nicht selten wurden Ornamente mit neuen Bedeutungen belegt.
Als ein Beispiel für die Adaption und Interpretation westlichen Dekors können Nepals Engel betrachtet werden. Sie schmücken in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Kapitelle, Schlusssteine und Türstürze. Sie sind vollbusig, haben lange und nicht selten schwarz bemalte Haare, tragen traditionellen newarischen Schmuck und in manchen Fällen schmückt ein winziger Segenspunkt, eine tika, ihre Stirn. Auch als Trägerinnen von Girlanden wurden sie gerne von damaligen Bauleuten und Stuckateuren als feenhaftes Dekor an Hausfassaden eingesetzt. Dabei wurde der traditionelle Stuck aus Lehm und Reisspreu oder Kalk mit Ziegelmehl, surki, verwendet, der dann vor Ort zu Ornamenten und Motiven wie Engeln modelliert wurde. Im Unterschied zur Tradition der bildenden Kunst im christlich geprägten Abendland, in der Engel als mädchenhaft schöne Jünglinge, puttenhafte Knaben sowie in Frauengestalt dargestellt werden, setzte man in der nepalesischen Architektur des 20. Jahrhunderts einen Trend mit vorwiegend weiblichen Engeln.
Weder im Buddhismus noch Hinduismus und auch nicht in der nepalesischen Architektur- oder Ornamenttradition kennt man Engel, die in Funktion oder Gestalt denen des Christentums oder der Kunst Europas gleichen. Allerdings findet man beispielsweise an nepalesischen Tempelschnitzerein weibliche Halbgöttinen, yaksinis, wohlwollende Wesen in anthropomorpher Gestalt, welche reich beschmückt sein können. Einen noch eindeutigeren Bezug der nepalesischen Engel zur tantrischen Motivtradition stellen die Trägerinnen geheimen Wissens, vidhyadharas, her, die Girlanden in den Händen halten sowie apsaras, himmlische Wesen, die mit Wolken umgeben dargestellt werden. Zu all jenen stehen die nepalesischen Engel zumindest rein äußerlich in einem offensichtlichen Verwandtschaftsverhältnis.
Es fand jedoch auch ein Bedeutungs- und Funktionswandel in der Engelszene statt. Die Aufnahme von Engeln in das architektonische Repertoire Nepals ist eine Absage an ihre christliche Semantik. So entstanden Engel, die nicht mehr länger als Boten Gottes agierten. An dieser Stelle muss man sich die Religionen im Kathmandu-Tal vor Augen führen. Seit dem 6. Jahrhundert entwickelten sich Hinduismus und Buddhismus in Nepal nebeneinander. Damit entstand die bis heute währende Koexistenz der zwei Glaubensrichtungen in Nepal, welche nicht nur parallel praktiziert werden, sondern auch verschmelzen. Mit den »-ismen« ist wenig gesagt über die Religiosität der Menschen, die für die notwendigen lebenszeitlichen Rituale entweder einen buddhistischen oder hinduistischen Familienpriester bemühen.
Buddhisten und Hindus schufen im Kathmandu-Tal Engel, weil sie gefielen – nicht ohne ihnen dabei eine eigene, newarische Note zu verleihen. Genügte es für eine Engelkarriere in Nepal zu Beginn des vorangegangenen Jahrhunderts schlicht dekorativ zu sein? Wie bei den traditioneller Weise stilisiert weiblichen Formen der Halbgöttinnen oder erotischen Darstellungen an Tempeln könnte es sich auch bei der Kreation der moderneren Engelfrauen um ein bewusstes Bestreben gehandelt haben, die materielle Form mit der spirituellen und kosmischen Welt zu verschmelzen. Dies zeugt weniger von Unwissenheit über die andere Religion und Kultur, als viel mehr von einer offenen Haltung und Leichtigkeit gegenüber kulturellen Unterschieden jenseits geographischer und nationaler Grenzen. Lokale Handwerker importierten wesentliche Merkmale westlichen Formenguts in die nepalesische Architektursprache und interpretierten sie, wie die Beispiele zeigen, auf spielerische Weise. Der in Europa bis dato geführte Eklektizismus-Streit war (und ist) in Nepal ein Fremdwort, Gestaltung erfolgte gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ohne stilistisch vorgeschriebene Prinzipien. Das war die Voraussetzung, die den Künstlern im Kathmandu-Tal vor etwa 70 Jahren die Phantasie erlaubte, Engel um der Kunst Willen zu schaffen, von der sich die Hybridisierung nährt und vice versa. Engel, die ihre Rolle als Vermittler zwischen einer einzigen über allem stehenden Macht und den Menschen oder aber als tantrische Halbgöttinnen überwanden und bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Übersetzerinnen zwischen Kulturen figurierten, als man noch nicht von Globalisierung sprach. Ihre Assoziation als himmlische Wesen wird ihnen heute dadurch nicht zwangsläufig abgesprochen. Nach der Interpretation eines nepalesischen Hausbesitzers in Saugah-Tol, Patan, kamen die Engel, die das Schild mit der Bezeichnung der Lokalität sowie der Hausnummer tragen, in den Jahren nach dem großen Erdbeben vom Himmel und gaben damit das Zeichen zum Bau des neuen Hauses.
Nach den neoklassizistischen Formen bedient man sich seit einigen Jahrzehnten nun auch in Nepal moderner westlicher Gestaltungsmaterialien. Was geschieht mit Engeln im Zeitalter von Zement, Beton und Stahl? Sie geraten in Vergessenheit, sind stetigem Zerfall und Abriss ausgesetzt, verschwinden hinter dicken Stromkabeln.

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