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erschienen in der HOW TO #1 – architecture

Die Suche nach der Parallelwelt

von Björn Siebert


Sebalds »Austerlitz«, Mitterrand, Tati und der  Brüsseler Justizpalast 


Ich hatte dieses Buch wieder in der Hand. Es war kurz bevor ich eine meiner seltenen Reisen antrat, die mich immer wieder in die selbe Stadt zu führen scheinen. Anläßlich meines nunmehr vierten längeren Parisaufenthalts nahm ich mir vor wieder einmal im 13. Arrondissement vorbeizuschauen. Durch einen populären Reiseführer erfuhr ich, dass dort, wo früher die Weindepots standen, nun ein modernes Paris entsteht. Einen Katzensprung vom Gare d’Austerlitz und der Bibliothèque Nationale de France entfernt hatte man in dieser zugepflasterten Stadt Paris also tatsächlich noch Bauland entdeckt. Auch eine andere Sache machte mich neugierig: Man hatte mir gesagt, dass hier im Westen der Stadt Jacques Tatis Entwurf von Paris nun real zu bewundern sei, ein böser Scherz dachte ich, doch tatsächlich sehen die Glas-Stahl-Paläste, die im 13. Arrondissement in Windeseile aus dem Boden geschossen sind der sechziger Jahre Utopie aus Tatis Film »Play Time« erschreckend ähnlich. Damals, im Jahre 1967, ließ der französische Regisseur, Komiker und Kritiker der neuzeitlichen Lebenskultur ein modernes Paris als Kulissenstadt am Rande von Paris errichten, welches er dann in den nachfolgenden 126 Minuten seines Films gehörig kritisierte. Nun gibt es diese Kritik Tatis also live zu bewundern, in 1:1 und für ein Metroticket anstatt einer Kinokarte.
Vor wenigen Jahren, bei meinem letzten Aufenthalt, stand südöstlich vom Gare d’Austerlitz noch nicht viel Modernes, nur dieses monströse architektonische Prestigeobjekt, die Bibliothèque Nationale de France »François Mitterrand«. Damals hatte ich mir dieses Gebäude schon einmal angeschaut, der Auslöser war das Buch »Austerlitz« von W.G. Sebald, ein Buch, das kein Roman ist, aber auch keine Novelle. In diesem, noch eher unter den Begriff Erzählung fallendes Sammelsurium aus Biografie, Ästhetik, Begegnungen, Zeitungsartikeln, Abbildungen, Fotos, Textstellen und eben Erzählung im Singular, zeichnet Sebald das Portrait eines Heimatlosen, der während des zweiten Weltkrieges seines Namens, seiner Sprache und seiner Geschichte beraubt wurde und nun im Alter rastlos durch Europa reist, nicht mehr in der Lage, irgendwo heimisch zu werden. Der in England lebende Ich-Erzähler begegnet 1967 bei einem Aufenthalt im Wartesaal der Antwerpener Centraalstation in Belgien dem dort in der Öffentlichkeit mit Skizzen und einem Fotoapparat arbeitenden Kunsthistoriker Jacques Austerlitz. Der baugeschichtlich interessierte Ich-Erzähler spricht Austerlitz an, und die beiden kommen in ein erstes von vielen Gesprächen, die sich über einen Zeitraum von 30 Jahren hinziehen, in denen sie sich sowohl zufällig wie auch nach Verabredung in Antwerpen, Lüttich, Zeebrugge, London und Paris treffen. Inhalt der Gespräche sind zunächst und immer wieder die von Austerlitz fachkundig en passant analysierten Beispiele für den »Baustil der kapitalistischen Ära« von der Antwerpener Centraalstation über den Brüsseler Justizpalast bis hin zu der von François Mitterrand initiierten neuen französischen Nationalbibliothek, deren »Familienähnlichkeiten« Austerlitz untersucht. Erst sehr spät offenbart ihm Austerlitz seine inzwischen entdeckte Herkunft und Schicksalsspur, die er akribisch aus den sichtbaren Zeugnissen herauszulesen sucht. Austerlitz ist eine Kunstfigur, sein Leben wird aber durch Fotos scheinbar dokumentarisch belegt, so dass hier im Laufe des Lesens Realität und Fiktion gehörig durcheinander geraten. Die Kunstfigur Austerlitz und der Erzähler treffen sich in einer Buchstelle auf dem Galgenberg in Brüssel wieder. Diese kurze Episode über den Justizpalast in Brüssel möchte ich nun wörtlich wiedergeben. Sebald schreibt folgendes:

»des Palais oder hinunter in Schluchten und schachtartige Innenhöfe, in die nie noch ein Lichtstrahl gedrungen sei. Immer weiter, sagte Austerlitz, sei er durch die Gänge geschritten, einmal links- und dann wieder rechtsherum, und endlos geradeaus, unter vielen hohen Türstöcken hindurch, und ein paarmal sei er auch über knarrende, provisorisch wirkende Holzstiegen, die hie und da von den Hauptgängen abzweigten und um einen Halbstock hinauf- oder hinunterführten, in dunkle Sackgassen gerqten, an deren Ende Rolladenschränke, Stehpulte, Schreibtische, Bürosessel und sonstige Einrichtungsgegenstände übereinandergetürmt gewesen seien, als habe hinter ihnen jemand in einer Art Belagerungszustand ausharren müssen. Ja, so behauptete Austerlitz, er habe sogar sagen hören, daß sich in dem Justizpalast, aufgrund seiner tatsächlich jedes Vorstellungsvermögen übersteigenden inneren Venvinkelung, im Verlaufe der Jahre immer ,"ieder einmal in irgendwelchen leerstehenden Kammern und abgelegenen Korridoren kleine Geschäfte, etwa ein Tabakhandel, ein Wettbüro oder ein Getränkeausschank, hätten einrichten können, und einmal soll sogar eine Herrentoilette im Souterrain von einem Menschen namens Achterbos, der sich eines Tages mit einem Tischchen und einem Zahlteller in ihrem Vorraum installierte, in eine öffentliche Bedürfnisanstalt mit Laufkundschaft von der Straße und, in der Folge, durch Einstellung eines Assistenten, der das Hantieren mit Kamm und Schere verstand, zeitweilig in einen Friseurladen umgewandelt worden sein. «   Hier endet Sebalds Episode über den Justizpalast, und der Leser fragt sich leicht erstaunt, ob der Brüsseler Justizpalast nicht wie diese Figur Austerlitz nur eine Erfindung von Seiten Sebalds sein könnte. Natürlich würde Sebald kein offizielles Gebäude in einer europäischen Hauptstadt erfinden, trotzdem habe ich mich dabei ertappt, wie ich mich im Internet und in der Bibliothek seiner Existenz erst einmal versicherte.


Poelaerts Werk und Teufels Beitrag


In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts herrschte großes Interesse an Gerichtsgebäuden, und man setzte sich in den Bauzeitschriften und der Fachliteratur der Architektur mit dieser Bauaufgabe auseinander. Theodor v. Landauer bezeichnete im 1887 erschienenen »Handbuch der Architektur«, ein Entwurfslehrbuch für Architekten, nach den verschiedenen Bauaufgaben eingeteilt, Gerichtsgebäude als die bedeutendsten öffentlichen Bauwerke und Justizpaläste als »die großen, meist architektonisch hervorragenden Gerichtshäuser« in größeren Städten, welche verschiedene Gerichtsinstanzen enthalten. Zu nennen wären da der Justizpalast in Stuttgart (1875 –1879, 1944 zerstört) von eben jenem Theodor v. Landauer, der Justizpalast in Frankfurt am Main (1884 –1889) von Friedrich Endell, der Justizpalast in Köln (1884 –1893) von Friedrich Endell und Paul Thoemer sowie das Reichsgericht in Leipzig (1888 –1895) von Ludwig Hoffmann. Die Errichtung eines Gebäudes für das Reichsgericht in Leipzig war nach dem Reichstag in Berlin das wichtigste Bauvorhaben im Kaiserreich. Die rege Bautätigkeit von Gerichtsgebäuden im 19. Jahrhundert war natürlich kein ausschließlich deutsches Phänomen. In vielen Hauptstädten Europas wurden monumentale Gebäude für die obersten Gerichtshöfe erbaut. Der größte Justizpalast des 19. Jahrhunderts wurde in Brüssel von Joseph Poelaert gebaut. Bereits einige Jahre nach der Gründung Belgiens im Jahr 1831 wurde mit der Planung begonnen, Baubeginn war dann das Jahr 1866. Das ganze Gebäude wurde im neobarocken Stil errichtet, der vor allem nach 1880 am weitesten verbreitet war. Neobarock gilt als Erscheinungsform des Historismus, der den Klassizismus ablöste. Es wurde besonders gerne für Theatergebäude verwendet, da das Barock eine Hochblüte aller theatralischen Kunstgattungen mit sich gebracht hatte. In der Spätphase des Historismus trat die generelle Orientierung an der Renaissance in den Hintergrund, und Neobarock wurde für vielfältige Bauaufgaben eingesetzt. Wichtige neobarocke Gebäude sind neben dem Justizpalast in Brüssel auch die Semperoper in Dresden (1871 –1878), die Opéra Garnier in Paris (1854 –1874) und das Bode Museum in Berlin (1897 –1904). Der Justizpalast in Brüssel wurde 1883 während der Herrschaft von Leopold II fertiggestellt, mit eine Grundfläche von 26.000 Quadratmetern ist dieses labyrinthartige Gebäude eines der größten europäischen Gebäude des 19. Jahrhunderts, der zu seiner Entstehungszeit die gesamte Stadt überragte.
Der Palast nahm sämtliche Justizbehörden Brüssels auf, darunter auch den Obersten Gerichtshof von Belgien. Er besitzt 34 Gerichtssäle, 245 Büros und Nebenräume, acht Bibliotheken und 80 Archive. Das Gebäude ist wahrlich ein Symbol der Rechtsstaatlichkeit, seine übergroße, mit allerlei Figuren geschmückte Kuppel soll Gerechtigkeit, Gesetz, Macht und Gnade verkörpern. Der Palast nahm außerdem eine Vorbildrolle für weitere Bauvorhaben anderer Justizpaläste ein, ist hinsichtlich Größe und Monumentalität bisher allerdings unübertroffen geblieben. Die Kongresssäulen zum Beispiel sind höher als die Säule auf der Place Vendôme in Paris.

Der Architekt des Brüsseler Justizpalasts Joseph Poelaert (geb. am 21. März 1817), nannte den Palast sein berühmtestes Gebäude. Der belgische Architekt, der neben dem Justizpalast auch die Liebfrauenkirche zu Laeken, den Wiederaufbau des nach einem Brand zerstörten Monnaie-Theater, sowie zahlreiche Regierungsgebäude baute, machte sich als bekennender Freimaurer ein Vergnügen daraus, seine Bauwerke mit Symbolen seiner Freimaurerloge zu schmücken, nach denen die Betrachter gerne Ausschau halten und sie zu interpretieren suchen. Auffallend sind außerdem die Säulenfüße auf der Vorderseite des Justizpalastes, die mit Swastika-Symbolen verziert sind.
Poelaert starb geistig verwirrt in einem Brüsseler Krankenhaus, vier Jahre vor der Vollendung des Justizpalastes. Der Platz vor dem Palast trägt seinen Namen als Andenken: Place Poelaert. Von dem Justizpalast hat man nach dem Tode Poelaerts keine Pläne und Unterlagen finden können. In einem Reiseführer wird angegeben, dass es in seinem berühmtesten Gebäude spuken soll, ein anderer Reiseführer benennt den angeblichen Geist sogar beim Namen: Es ist Poelaert, der Architekt selbst.

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